Martin Seckendorf
Zur Wirtschaftspolitik der deutschen Besatzer in Griechenland 1941-1944
Ausbeutung, die in die Katastrophe mündete.
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Als die deutsche Führung im November 1940 entschieden hatte, Griechenland im Frühjahr 1941 aus politischen und militärstrategischen Gründen zu überfallen, wurde zugleich beschlossen, das zu unterwerfende Land und seine Bewohner restlos für die deutsche Kriegswirtschaft und die Versorgung der deutschen Truppen in Griechenland und für die von Griechenland aus zu betreibenden weitergehenden militärischen Operationen in Richtung Nahost und Nordafrika zu nutzen.2 Diese kriegswirtschaftliche Grundsatzentscheidung, die für die späteren deutschen Besatzungsbehörden in Griechenland zur bindenden wirtschaftspolitischen Richtschnur wurde, mündete in die nachhaltige Zerstörung der griechischen Wirtschaft und Währung mit katastrophalen Folgen für die Bevölkerung.

Nach der Unterwerfung Griechenlands im April/Mai 1941 zerstückelten die Deutschen das Land in drei Besatzungszonen:

Bulgarien erhielt für seine Vasallendienste beim deutschen Überfall ein Gebiet im Nordosten Griechenlands, das etwa 15 Prozent des griechischen Territoriums ausmachte mit 11 Prozent der griechischen Gesamtbevölkerung. Die Besatzungszone war reich an Rohstoffen und landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Griechenland verlor über 60 Prozent der Tabak-, 51 Prozent der Mais-, 50 Prozent der Gersten- und 40 Prozent der Weizenproduktion mit verheerenden Auswirkungen für die Ernährung der Griechen. Das Reichswirtschaftsministerium in Berlin wies in einer Betrachtung vom 21. August 1941 darauf hin, dass die Gebietsabtretung katastrophale Folgen für die Ernährungslage, "insbesondere für Athen und Piräus" haben werde.3 Obwohl die Bulgaren das Land schnell annektieren und bulgarisierten, erhielten sie nur eine eingeschränkte Souveränität. Vor der Übergabe des von der Wehrmacht eroberten Gebiets an Bulgarien hatte sich Deutschland vertraglich das Recht zur unbeschränkten Ausbeutung der Bodenschätze und zur Abschöpfung landwirtschaftlicher Produkte gesichert. Es ging vor allem um Tabak, Baumwolle, Naturseide und Erze.4
70 Prozent des griechischen Territoriums wurden den Italienern zur polizeilichen Sicherung übergeben. In diesen Gebieten lagen bedeutende wirtschaftliche und logistische Interessen der Deutschen (Chrom, Bauxit, der Nachschubweg nach Kreta und bis Ende 1942 nach Nordafrika) Die deutsche Industrie hatte sich vertraglich auch die Ausbeutung der italienischen Zone gesichert.5
Die Vertretung der deutschen Interessen in der italienischen Zone, für die Deutsche und Italiener eine Kollaborationsregierung einsetzten, sollte der Diplomat Altenburg als "Bevollmächtigter des Reiches in Griechenland" wahrnehmen.
Die deutsche Zone umfasste 12 Prozent des griechischen Festlandes und zwei Drittel Kretas. Sie war von politisch herausgehobener Bedeutung und entsprach exakt den deutschen Wünschen nach Erringung von bedeutsamen militärischen Stützpunkten und Absprungbasen.6 In den deutschen Gebieten herrsche der militärische Ausnahmezustand. Die Wehrmacht war der einzige Inhaber aller Gewalt.

Die für die Wirtschaftspolitik, für die ökonomische Ausnutzung des besetzten Landes wichtigste Behörde der Deutschen war die Zweigstelle des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes im Oberkommando der Wehrmacht (OKW) bei der 12. Armee. In diese bereits im Januar 1941 gebildete Einrichtung waren in erheblichem Umfang Spitzenkräfte und Griechenlandexperten der deutschen Privatwirtschaft integriert.7 Die Organisation konnte sich auf seit längerer Zeit vorbereitete Unterlagen stützen. Sie hatte die Aufgabe, schnellstmöglich - bevor die spätere Besatzungsorganisation in Kraft trat - alles Brauchbare, alle Vorräte an Lebensmitteln, Treibstoffen, agrarischen und mineralischen Rohstoffen und Tabak sowie Bergbau- und Industriebetriebe zu erkunden, zu beschlagnahmen, die Güter sofort dem Truppenbedarf zuzuführen oder nach Norden abzutransportieren. Aus der Organisation entstanden im Juni 1941 bodenständige Wehrwirtschaftsdienststellen.

Wirtschaftspolitik bis 1943

In der Wirtschaftspolitik der Besatzer sind bis zur Kriegswende 1943 deutlich zwei Perioden zu erkennen.
Die erste Periode, die etwa bis August/September 1941 reichte war, wie in den meisten anderen okkupierten Gebieten auch, eine Zeit des offenen, unverhohlenen Raubes. In hektischem Tempo wurde alles beschlagnahmt, was von Nutzen schien. Die Plünderungsaktionen wurden unter dem weit ausgelegten militärischen Begriff "Beute" durchgeführt. Darunter fassten die Deutschen Rohstoffe, Halbfabrikate, Lebens- und Genussmittel, Treib- und Schmierstoffe, wertvolle Maschinen sowie Transport- und Zugmittel.8 Der Wehrmachtbefehlshaber Südost schrieb rückblickend auf die Beutezeit: "Besondere Tabakkommandos haben bereits während der militärischen Operationen...die gesamten vorgefundenen Bestände als Beute beschlagnahmt und nach Deutschland überführt."9 Bereits am 30. Mai 1941 hatte die Wirtschaftsabteilung des Reichsbevollmächtigten in Athen gemeldet: "Die gesamte griechische Tabakernte 1939 und 1940 ist für Deutschland sichergestellt. Es handelt sich um 80 Millionen kg Tabak im Werte von 175 Millionen RM, aus denen 80 Milliarden Zigaretten hergestellt werden können. Das Reichseinkommen aus direkten Steuern aus diesem Tabakgeschäft beträgt 1,4 Milliarden RM...".10 Ähnlich wurde mit anderen begehrten Rohstoffen - z.B. Seide und Baumwolle - umgegangen. Am 30. Juni 1941 teilte das Auswärtige Amt dem Reichswirtschaftsministerium mit: "Nach einem Drahtbericht des Bevollmächtigten des Reichs für Griechenland vom 20.6.1941 ist im Interesse der deutschen Luftwaffe die Sicherstellung der zukünftigen griechischen Seidenernte erforderlich. Die Ernten 1939/40 und 1940/41 sind nach diesem Bericht bereits sichergestellt."11 Auch in der bulgarischen Zone wurde so verfahren. Bevor die Bulgaren in die ihnen von den Deutschen überlassenen griechischen Gebiete einrückten, hatte die Wehrmacht bereits die Vorräte beschlagnahmt und mit dem Abtransport nach Deutschland begonnen. Das Reichswirtschaftsministerium informierte am 19. Juli 1941 das OKW: "In dem jetzt zu Bulgarien gehörenden griechischen Baumwollanbaugebiet Serres sind von der deutschen Armee 2.777 Ballen Baumwolle beschlagnahmt worden. 1.000 Ballen dieser Baumwolle hat bereits die Firma Schenker u. Co. über Saloniki nach Deutschland verladen."12
Über einen besonders lukrativen Beutezug berichtete am 3. Mai 1941 der Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes, Generalleutnant Thomas. Er schrieb: "Der bedeutendste Rüstungskonzern in Griechenland gehört einem Armenier Bodosaki. Zu diesem gehören ungefähr 10 verschiedene Fabriken...Alle diese Fabriken sind zunächst durch den V.O. des WiRüAmts beim AOK 1213 beschlagnahmt worden. Um ihre hochwertige Einrichtung nicht in andere Hände gelangen zu lassen, ist bereits der Befehl an den V.O. des WiRüAmts beim AOK 12 ergangen, diese gesamten Werkzeugmaschinen in den Betrieben des Bodosaki-Konzerns in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit auszubauen, zu verpacken und zur Verladung bereitzustellen."14 Bemerkenswert an diesem Beutezug ist, dass es sich bei den wertvollsten Maschinen in im Bodosakis-Konzern um in Deutschland erst vor einiger Zeit gekaufte und bereits bezahlte Anlagen handelte.
Zusammenfassende Zahlen über die Ergebnisse dieses ersten Beutezuges sind kaum zu erhalten. Die überlieferten Dokumente lassen aber Rückschlüsse auf dessen Dimension zu. Der Oberfeldzeugstab 4 bei der 12. Armee meldete bis zum 23. Juni 1941 seien von der erfassten Beute 111 Eisenbahnwaggon und zwei Schiffe mit je 679 t. nach Deutschland gebracht worden.15 Nach einem äußerst unvollständigem Bericht des Verbindungsoffiziers des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes des OKW bei der 12. Armee wurden zwischen dem 1. Mai und dem 30. September 1941 neben großen Mengen Erzen auch 5.000 t Baumwolle, 80.000 t Tabak, 10.500 t(!) Olivenöl und 305 t Seidenkokons abtransportiert.16 Zu den Beschlagnahmungen gehörten auch 40 Tonnen Silbergeld.17
Mit Beginn des Überfalls versuchten die Deutschen vor allem über Manager der Privatwirtschaft in Uniform nicht nur die vorgefundenen Rohstoffe, Halbzeuge und Fertigprodukte, sondern sehr schnell auch die Produktionsstätten, die Farmen, Minen und Fabriken in ihre Gewalt zu bringen. In einem Bericht der Abteilung III des Verbindungsoffiziers des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes des OKW bei der 12. Armee vom 30. Mai 1941 heißt es, dass "in Auswirkung der deutschen Waffenerfolge in Griechenland die größten Anstrengungen gemacht" worden seien, "um die Schlüsselstellungen der griechischen Wirtschaft in deutsche Hand zu bringen. Auf Veranlassung des Wirtschaftsrüstungsamtes des OKW hat die Firma Krupp, Essen, die wertvollen griechischen Bergbauunternehmen teils gekauft, teils mit ihnen Lieferverträge abgeschlossen. Die Nordische Aluminium AG...ist im Begriff, die hochwertigen griechischen Bauxitlager der Franz. Gesellschaft Stè. Bauxites du Parnassos zu übernehmen. 2000 ha Baumwollkulturen am Koppaissee sollen aus englischer Hand in deutsche überführt werden".18 Von besonderer Bedeutung erschien den Deutschen dabei die Kontrolle über die Elektrizitätserzeugung und –versorgung. Der Leiter der oben genannten Wehrwirtschaftsdienststelle, Oberst Wendt, hatte am 7. Mai 1941 befohlen: "Der Direktor der AEG, Edgar Thomashausen, wird von mir als kommissarischer Bevollmächtigter und oberster Leiter folgender Betriebe eingesetzt:
- 1. Elektrizitätsgesellschaft Athen-Piräus, Stadionstr. 4,
- 2. Elektrische Verkehrsgesellschaft AG, Athen, Stadionstr. 4.
Ziel: Erwerb dieser Betriebe."
Gleichzeitig teilte er dem Reichswirtschaftsministerium mit, dass die "Vorbereitungen zum Maschinenabtransport" aus wichtigen Fabriken durch das dafür eingesetzte Technische Bataillon 13 und die Abteilung III seiner Dienststelle weitergingen.19 Eine Aufzeichnung des Auswärtigen Amtes schätzte die Auswirkungen dieses Wendt-Befehls wie folgt ein: "Diese Position ist besonders wichtig, da sie eine Schlüsselstellung der griechischen Industrie darstellt."20
Ähnliche Prozesse liefen auf dem Mineralölsektor ab. Im Kriegstagebuch des Befehlshabers Saloniki-Ägäis ist vermerkt: "Ab 6.6.(1941) werden alle griechischen Mineralölgesellschaften unter Führung der Deutschen Shell AG zusammengefasst."21
Eine besondere Schaltstelle in der Wirtschaft bildeten traditionell die griechischen Großbanken, die nicht nur hohe Gewinne ausschütteten - ein Artikel der Zeitschrift "Bank-Archiv" meldete, dass "regelmäßig Dividenden von 300 Prozent zur Verteilung gelangten",22 - sondern auch für die Deutschen wichtige Filialen im neutralen, aber auch im feindlichen Ausland unterhielten. Bereits am 3. Mai 1941 hatte Generalleutnant Thomas, Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes im OKW, vorgeschlagen, die Majorität entweder der Bank National de Grèce oder der Bank d' Athenes zu erwerben.23 Im Juni flog der Auslandsdirektor der Deutschen Bank,
H.-J. Abs, jener Bankier, der 1953 das Londoner Schuldenabkommen für die Bundesrepublik aushandelte,24 zu Gesprächen mit der Nationalbank von Griechenland nach Athen. Offensichtlich sind damals die Weichen für eine Übernahme, mindestens aber eine Kontrolle der wichtigsten griechischen Bank auf dem Weg von Konsortialverbindungen gestellt worden.25 Kurze Zeit darauf meldete die Zeitschrift "Bank-Archiv": "Nachdem der Sieg der Achse die Voraussetzungen für einen engeren wirtschaftlichen Anschluss Griechenlands an Kontinentaleuropa geschaffen hat, haben sich jetzt zwischen den deutschen und den griechischen Banken neue Verbindungen angebahnt. So hat die Deutsche Bank mit der Banque National de Grèce ein Freundschaftsabkommen geschlossen." Die Zeitschrift meinte, die "eindeutige Führungsstellung, die das Institut im griechischen Kreditsystem genießt, macht die jetzt hergestellte Verbindung mit der Deutschen Bank besonders wertvoll." Außerdem sei "zwischen der Dresdner Bank und der Banque d' Athenès Einverständnis über die Formen der Zusammenarbeit erzielt worden." Die Zeitschrift unterstreicht die "starke Auslandsorientierung" dieser zweitgrößten griechischen Bank mit Filialen und Tochtergründungen u. a. in London, Zypern, Ägypten und den USA.26
Am 9. Juni 1941 formulierte der Handelsattache beim "Reichsbevollmächtigten", Höfinghoff, noch einmal zusammenfassend die Aufgaben, die den deutschen Dienststellen in der ersten Periode übertragen worden waren und berichtete über den Stand der Erfüllung. Die Aufgabe, "Sicherstellung aller uns interessierenden Rohstoffe und Wirtschaftsbetriebe" könne "als gelöst betrachtet" werden.27
Neben dem unverhohlenen Raub und dem – weitgehend gelungenen - Versuch, die Verfügungsgewalt über die Schlüsselstellungen in der griechische Wirtschaft zu erhalten, war diese Periode auch gekennzeichnet von einer aktiven, auf längere Sicht angelegten Politik zur Deindustriealisierung Griechenlands. Auf Initiative der deutschen Privatwirtschaft wurde den griechischen Betrieben von deutschen Besatzungsbehörden die Rohstoffe und Halbfabrikate durch Beschlagnahmungen entzogen und zur Verarbeitung nach Deutschland gebracht. Die griechischen Betriebe mussten schließen. Das war in erster Linie keine "kriegsbedingte" Maßnahme. Die deutsche Privatwirtschaft wollte zwar die durch die Aggression geschaffene Lage nutzen, um schnell an begehrte Rohstoffe und Halbfabrikate zu gelangen, aber gleichzeitig sollten auf Dauer für die deutsche Industrie lästige Konkurrenten beseitigt werden. Im April 1941, noch vor Abschluß der militärischen Operationen entwickelte z.B. der IG-Farben-Konzern detaillierte Konzepte, um mit Hilfe der Reichs- und Besatzungsbehörden die griechische Farbstoffindustrie zu liquidieren.28 Am 6.Juli 1942 schrieb der Befehlshaber Saloniki – Ägäis, in seinem Bereich sei die Fertigwarenindustrie vollständig zusammengebrochen, "da die Hauptlandeserzeugnisse wie Baumwolle, Wolle, Häute, Felle, Hanf, Harz, Seide, Gerbstoffe für die deutsche Wirtschaft beschlagnahmt sind und nach Deutschland abgeführt werden."29

Kaufmännisch korrekt über die Drachme

In der folgenden Periode wurde die ökonomische Ausnutzung planmäßiger gestaltet mit dem Ergebnis, dass dem Land noch mehr Güter, Dienstleistungen - z.B. Transportleistungen -, Zahlungsmittel und Anlagenwerte entzogen wurden. Da der größte Teil des Entzugs als Export über den Außenhandel abgerechnet wurde, der weiterhin auf devisenlosem Verrechnungsverkehr, dem Clearingsystem, basierte, erhielt der Raub einen kaufmännisch korrekten Anstrich.
Im Mittelpunkt des "Außenhandels" standen die griechischen Erze, vor allem Chrom und Bauxit, die für Deutschland mit zunehmender Kriegsdauer immer bedeutender wurden. Die griechischen Chromlieferungen deckten 1942 fast 40 Prozent und die Bauxitlieferungen 25 Prozent der deutschen Gesamteinfuhr an diesem Metall.30 Hauptverantwortlich für die Förderung und den Abtransport der Rohstoffe, zu denen noch in beträchtlichem Umfang Blei, Zink, Nickel und Schwefelkies gehörten, blieb die Wehrwirtschaftsorganisation der Wehrmacht, die auch weiterhin als Vollzugsorgan der deutschen Wirtschaft tätig war. In einem Bericht des Wirtschaftskommandos Saloniki heißt es, Hauptaufgabe der Dienststelle bleibe "die Erfassung, Sicherstellung und der Abtransport von Rohstoffen nach Deutschland. Hauptausfuhrgüter sind: Erze, Tabak, Baumwolle, Wolle und Seidenkokons."31
Die Bezahlung der abtransportierten Güter erfolgte formal über Verrechnungskonten. Da der Abtransport aus Griechenland wert- und mengenmäßig ständig gesteigert wurde, von deutscher Seite aber kaum Gegenlieferungen erfolgten, entstand sehr bald ein Minussaldo auf deutscher Seite, der Ende 1942 fast 50 Prozent des gesamten Umsatzes (Export und Import) nämlich etwa 70 Mio. RM ausmachte.32
Nach einer Notiz des Verbindungsoffiziers des OKW bei der Reichsbank, Oberst Drews, vom 18. Januar 1943 entwickelten sich die deutschen Schulden im Verrechnungsverkehr mit dem besetzten Griechenland wie folgt:

> Stand am 31.12.1941
59,1 Millionen Reichsmark
> Stand am 30.6.1942
73,0 Millionen Reichsmark
> Stand am 31.12.1942
65,8 Millionen Reichsmark.33

Am 13. November 1942 meldete der Reichsbevollmächtigte Altenburg nach Berlin, das griechische Guthaben werde auf ein Sonderkonto übertragen, dessen Regelung nach Kriegsende erfolgen sollte.34 Ohne die übliche Verzinsung hätte das Guthabenkonto der Griechen allein aus dem Verrechnungsverkehr im Außenhandel gegenwärtig einen Wert von über 350 Millionen Euro.
Ab Juli 1941 nutzte die Wehrmacht in großem Umfang Produktions- und Reparaturkapazitäten in Griechenland. Im Juli 1942 waren 335 Betriebe im ganzen Land - auch in der italienischen Zone - für die Wehrmacht tätig.35

Besatzungskosten

Eine besonders drückende Belastung für die Griechen bildeten die Besatzungskosten. Zunächst bezahlten die Okkupanten den Unterhalt und die Unterkunft der Truppen mit einer von der griechischen Nationalbank zu deckenden Ersatzwährung, den Reichskreditkassenscheinen.
Ab August 1941 musste Griechenland Besatzungskosten zahlen, deren Höhe bis Ende 1942 nach dem "Bedarf" der deutschen und italienischen Behörden monatlich festgelegt wurde. Der deutsche Anteil stieg sprunghaft an.
In Reichsmark umgerechnet mussten die Griechen folgende Beträge bezahlen:
1,021 Mrd. Reichsmark bis Ende 1941 (darunter 170 Millionen Reichsmark für die Reichskreditkassenscheine), 1942 wurden 2,551 Mrd. Reichsmark gezahlt. Dieser Summe stand im gleichen Zeitraum ein griechisches Volkseinkommen (Summe der produzierten Güter und Dienstleistungen) in Höhe von 756 Millionen Reichsmark gegenüber.36
Nach einer Aufstellung der Reichsbank vom 9. April 1943 lag die monatliche Pro-Kopfbelastung in Griechenland durch die Besatzungskosten bei 78 Reichsmark. Das war zu diesem Zeitpunkt die höchste Belastung der Zivilbevölkerung durch Besatzungskosten in allen von Deutschland besetzten Gebieten.37 Die Besatzungskosten wurden entgegen der "Haager Landkriegsordnung" vom 18. Oktober 1907 Artikel 48, 49 und besonders 52, in denen vorgeschrieben war, bei der Erhebung von Abgaben die Verhältnismäßigkeit in Bezug zu den Hilfsquellen des jeweiligen Landes zu wahren,38 so hoch angesetzt und stiegen fortlaufend, dass der Zusammenbruch von Wirtschaft und Währung in kürzester Zeit zu erwarten gewesen war.
Die Besatzungskosten waren auch deshalb so hoch, weil die Deutschen ein hoch bezahltes Heer von Spezialisten für die Kriegführung in Nordafrika und Nahost unterhielten, die Truppen aus dem Lande verpflegt wurden und gewaltige Programme für den Schiffsbau sowie den festungsmäßigen Ausbau des Landes und der Inseln mit den zur Verfügung gestellten Mitteln bezahlten.
Über Besatzungskosten wurden von den Griechen in großem Umfange Ausgaben finanziert, die mit der eigentlichen Besetzung des Landes nichts zu tun hatten.
Die Kollaborationsregierung presste die Leistungen über die Ausdehnung des Banknotenumlaufs aus dem Volk. Bei gleichzeitig sinkender Produktion und den Belastungen durch die Kriegszeit insgesamt(Griechenland befand sich seit Oktober 1940 im Krieg) waren hohe Preissteigerungen und zunehmende Verelendung breiter Schichten des Volkes die Folge.
Bis Dezember 1942 stiegen der Drachmenumlauf um 1.575 Prozent und die Lebensmittelpreise um 23.478 Prozent im Vergleich zu 1940.39 Trotz zahlreicher Warnungen bestand die deutsche Führung darauf, die steigenden Besatzungskosten ohne Rücksicht auf den sich abzeichnenden Zusammenbruch von Wirtschaft und Währung abzufordern. Der deutsche Außenminister ordnete am 30. September 1942 an, der entscheidende Gesichtspunkt sei, dass die Finanzierung der militärischen Ausgaben "in vollem Umfange gewährleistet bleibt...auch die sonstigen, für die weitere Kriegführung wichtigen Bau- und sonstigen Kosten in Griechenland müssen weiterhin reibungslos finanziert werden können".40
Als die Wehrmacht für Oktober 1942 die Rekordsumme von 31 Milliarden Drachmen forderte - im August hatte die Anforderung 20 Milliarden Drachmen betragen - wurde das damit erklärt, "dass auf Grund eines Führerbefehls der beschleunigte Ausbau der Festung Kreta und Bauvorhaben der Marine in Griechenland ohne Rücksicht auf die Höhe" der Besatzungskosten durchzuführen seien.41
Eine sehr bald sichtbare Auswirkung dieser enormen Belastung war eine schon 1941 einsetzende, in der europäischen Geschichte wohl beispiellose Inflation.
Setzt man den Index der Lebensmittelpreise für 1939 mit 100 an, so betrug er am 31. Dezember 1941 schon 4.515.42 Der Befehlshaber Saloniki - Ägäis meldete für den Zeitraum vom 8. April bis 10. November 1941 "eine durchschnittliche Preissteigerung um das 11fache".43 Der Stabschef des Befehlshabers Südgriechenland berichtete am 17. September 1942 folgende Zahlen über die Preisentwicklung: "Die allgemeine Versorgungslage der Bevölkerung ist nach wie vor trostlos. Während die Gehaltserhöhungen das 6 - 8fache betragen, sind die Preise für Bedarfsgüter ... um das 100 - 250fache gestiegen. 1 Oka (1,28 Kilogramm - M.S.) Olivenöl kostet heute 13000 Drachmen - rd. 217,00 RM, im Frieden 1,00 RM."44 Dabei wurde das Missverhältnis zwischen Preis und Lohn immer größer.

Aus einer Aufstellung der Militärverwaltung Griechenland über die Preisentwicklung in Athen bis zum 10. September 1944 (Preise in Drachmen)45

Produkte, Stand vom: 28. 10. 40 01. 01. 44120. 04. 44110. 09. 441
Brot per Oka2103446034000
Fleisch503003200400000
Öl502002800400000
Oliven26801200240000
Zucker191601600140000
Makkaroni221001100130000
Eier per Stück2139032000
Milch per Oka104040088000
Butter11060060001100000
Reis221802000340000
Käse603601600400000
Mehl1280120090000
Kartoffeln64085090000
1 Anzug bzw. Mantel35001000015000013000000
1 Paar Schuhe4502000500002204000
1 Stück Seife152570053500


1 In 1000 Drachmen.
2 Ein Oka = 1280 Gramm.

Zu der schweren Belastung ernteten die Griechen noch den Hohn. Hitler hatte Anfang September 1942 entschieden, nicht mehr den Begriff Besatzungskosten, sondern den Terminus Aufbaukosten "oder einen ähnlichen" zu verwenden.46

Erhebliche Folgen hatte der deutsche Raub, der bis zum Ende der deutschen Herrschaft anhielt, für die Ernährungslage der Griechen. Durch den Raub der gerade zu Kriegszeiten wertvollen Rohstoffe Tabake und Olivenöle fehlten Griechenland die Tauschwaren zum Import von Lebensmitteln, die es aufgrund der Wirtschaftsstruktur auch schon vor dem Krieg einführen musste. Selbst auf dem Höhepunkt der seit Herbst 1941 einsetzenden Hungerkatastrophe, der mehrere Hunderttausend Menschen zum Opfer vielen,47 wurden dem Land weiterhin Nahrungsmittel entzogen. Der Wehrwirtschaftsoffizier Athen berichtete, dass die extrem hohe Sterblichkeit - die Säuglingssterblichkeit lag z.B. bei 80 Prozent48 - vor allem auf das Fehlen von Fett zurückgeführt werde. Gleichzeitig zitierte er Weisungen Berliner Stellen an ihn, zur besseren Versorgung der deutschen Bevölkerung weiterhin große Mengen an Olivenöl zu liefern. "Dringend gefordert" würden monatlich 1.000 Tonnen.49 Nachdem der Befehlshaber Saloniki - Ägäis am 3. Dezember 1941 die Versorgungslage der Griechen als "unvorstellbar" bezeichnet hatte, fügte er hinzu, die Wehrmacht entnehme trotzdem laufend Lebensmittel aus dem Lande. Mindestens 1.500 Rinder würden monatlich aus dem Befehlsbereich gezogen.50
Bis zum Herbst 1942 hatten die Besatzer das Land derart ruiniert, dass der Bezug von Rohstoffen und Lebensmitteln aus Griechenland wegen der enormen Inflation und der deutschen Schulden im Außenhandel "legal" nicht mehr möglich war, die Verelendung ungeahnte Ausmaße angenommen hatte und auch dadurch der Widerstand zu einer für die Besatzer militärisch gefährlichen Größe angewachsen war. Am 17. September 1942 wurde als Reaktion auf diese Entwicklung die Deutsch-griechische Warenausgleichgesellschaft m.b.H. (DEGRIGES) gebildet. Die Gesellschaft, eine Gründung der deutschen Privatwirtschaft, war mit dem staatlichen Außenhandelsmonopol ausgestattet. Die DEGRIGES manipulierte bei der Verrechnung im Außenhandel die Preise. Griechische Ausfuhrgüter nach Deutschland wurden preislich extrem gesenkt und die Preise für deutsche Güter, die nach Griechenland eingeführt werden sollten, stark erhöht. Das hatte vor allem zwei Effekte:
- Die deutsche Wirtschaft erreichte sowohl bei der Einfuhr als auch bei der Ausfuhr große finanzielle Vorteile, die Schleusungsgewinne genannt wurden.
- Wegen der künstlichen Preisveränderungen wurde der Außenhandelssaldo für Deutschland aktiv. Aus 71 Millionen Reichsmark Schulden im Jahr 1942 wurden im Verrechnungsjahr 1943 urplötzlich 20 Millionen Reichsmark Guthaben für die Deutschen - ein Hinweis auf die Größenordnung der Preismanipulationen. Um die "Schulden" abzubauen waren die Griechen gezwungen, mehr Waren nach Deutschland zu exportieren. Der Bezug der griechischen Güter war rechnerisch gesehen wieder gesichert.51
In engem Zusammenhang mit der Bildung der DEGRIGES stand die Berufung des ehemaligen Wiener Bürgermeisters und langjährigen Vertrauensmannes des IG-Farbenkonzerns, Hermann Neubacher zum "Sonderbeauftragten des Reiches für wirtschaftliche und finanzielle Fragen in Griechenland" am 15.Oktober 1942.52 Er sollte durch fiskalische Maßnahmen und Appelle an die Militärs zur Mäßigung bei deren Ausgabenpolitik sowie durch Druck auf die Kollaborationsregierung die Hyperinflation bremsen, die Drachme als Zahlungsmittel erhalten, um den steigenden Bedarf der Wehrmacht, der Rüstungsindustrie und der Rohstoffwirtschaft weiterhin ganz legal über die Währung befriedigen zu können.

Wirtschaftspolitik nach der Kriegswende

Ein Schwerpunkt der Wirtschaftspolitik nach der Kriegswende war das Bemühen der Besatzer, vermehrt Rohstoffe zu gewinnen. Vor allem Chrom erhielt durch für die Deutschen verschlechterte Kriegslage erhebliche gewachsene Bedeutung. Zwischen Mai 1941 und November 1944 wurden ca. 28.000 Tonnen reinen Chroms aus Griechenland abtransportiert. Diese Menge deckte ein Viertel des gesamten deutschen Bedarfs an dem für die Rüstungsfertigung extrem wichtigen Metall in dem genannten Zeitraum.53 Außerdem sind seit 1941 etwa 91.000 Tonnen Bauxit aus Griechenland abgefahren worden, aus denen man ca. 23.000 Tonnen Aluminium schmelzen konnte.54 Aluminium war vor allem für den deutschen Flugzeugbau von herausragender Bedeutung.
Die Förderung und der Abtransport der Rohstoffe wurden ab Mitte 1943 zunehmend von den Partisanen behindert.
Wachsende Belastungen für die Griechen ergaben sich auch aus den Anforderungen für riesige Festungsbauprogramme und für den Unterhalt der seit Frühjahr 1943 beträchtlich vergrößerten Besatzungsarmee. Die personelle Stärke der deutschen Truppen wuchs von 75.000 Mann im Frühjahr 1942 auf über 250.000 Mann Anfang 1944.55 Den gestiegenen Bedarf an Arbeitskräften, Baustoffen, Energie, Lebensmitteln sowie Produktions- und Reparaturkapazitäten deckten die Besatzer weiterhin vorwiegend über die Drachme.
Seit dem 13. Oktober 1942 erfolgte nur noch ein Teil der Drachmenlieferungen als Besatzungskosten. Der andere Teil musste die Kollaborationsregierung den Besatzern als "Kredit" gewähren. Der Drachmenumlauf erreichte astronomische Größenordnungen. Gleichzeitig sank als Ergebnis der Besatzungspolitik die Wirtschaftskraft rapide. Monatliche Preissteigerungsraten von 200 und mehr Prozent wurden erreicht. So hatten sich in den Monaten Juli und August 1944 die Warenpreise verdrei- bis verfünffacht.56
Die Größenordnung der über die Drachme vollzogenen Ausbeutung zeigt das Verhältnis des Wehrmachtsbedarfs an Drachmen zum Banknotenumlauf. Die Drachmenanforderung der Wehrmacht machte im Mai 63 Prozent und im August 1944 über 90 Prozent des gesamten Banknotenumlaufs aus.57 Häufig wurde die Obergrenze des Wehrmachtsbedarfs nur noch von der Kapazität der Notenpresse bestimmt.
In welchem Ausmaß andere Ressourcen den Griechen entzogen wurden, zeigt die Beanspruchung der griechischen Eisenbahn. Anfang 1944 erbrachte die Bahn 97 Prozent ihrer Fahrleistungen ausschließlich für die Wehrmacht.58
Die Ausbeutung über die Drachme blieb bis zum Abzug der Deutschen die Grundlinie der Wirtschaftspolitik. Noch am 4. August 1944 gab der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe E, Löhr, die Richtlinie heraus, ohne Rücksicht auf die Bevölkerung über die Drachme "aus dem Lande noch herauszuholen, was möglich ist"59.
Die Folgen dieser Politik waren eine total zerrüttete Wirtschaft und entsetzliche Not der Bevölkerung. Auch nach der Hungerkatastrophe vom Winter 1941/42 gab es permanent, verstärkt wieder 1944, Fälle von Hungertod. Unter dem andauernden Mangel an Nahrungsmitteln, Medikamenten und medizinischer Versorgung litten vor allem die Kinder. Von 300 im Oktober 1944 in Athen untersuchten Kindern waren 290 an Tuberkulose erkrankt.60

Bei Betrachtung der "normalen", meist über die Drachme vollzogenen Ausbeutung ist zu beachten, dass Griechenland nicht nur in der ersten, der zu Recht so bezeichneten Raubphase gewaltsam riesige, in kaum exakt zu bestimmender Größe Werte entzogen worden sind. Während der gesamten Besatzungszeit gab es den unbezahlten, gewaltsamen Raub der deutschen Militärbehörden. So enthielt fast jeder Befehl für "Säuberungsunternehmen" einen Passus der bestimmte, dass vor der Ermordung der Einwohner und der Niederbrennung der Orte, Barmittel, Wertgegenstände, Vorräte und das Vieh von deutschen Beauftragten zu "sichern" seien. Außerdem war eine häufig gegen "partisanenverdächtige Orte" verhängte "Strafe" die Auferlegung von "Kontributionen", die durch Geld oder in Form von Sachwerten, meist Olivenöl, bezahlt werden mussten. So erließ der Kommandierende General XI. Fliegerkorps, General der Flieger Student, nach Beendigung der Kämpfe auf Kreta einen Grundsatzbefehl zur Handhabung der Terrorpolitik gegen die Zivilbevölkerung. Um die unerwartet hohen Verluste der Wehrmacht bei der Eroberung zu rächen und um tiefe, schockartige Abschreckung gegen künftigen Widerstand zu erreichen, befahl Student am 31. Mai 1941, drakonische Maßnahmen durchzuführen. In dem "Strafenkatalog" heißt es:
"Als Vergeltungsmaßnahmen kommen in Frage:
1.) Erschießungen
2.) Kontributionen
3.) Niederbrennen von Ortschaften (vorher Sicherstellung aller Barmittel ....),
4.) Ausrottung der männlichen Bevölkerung ganzer Gebiete."61

Ähnlich verfuhren die Deutschen auf dem Festland, wie u.a. der Ablauf des Massakers in Kalavritta, dem größten Verbrechen der deutschen Wehrmacht an der griechischen Zivilbevölkerung, zeigt. Als Einheiten der 117. Jägerdivision am 13. Dezember 1943 alle Männer der Stadt Kalavritta auf der Peloponnes zur Erschießung auf eine Anhöhe über dem Ort geführt hatten, stellte das in der Stadt verbliebene Wirtschaftssicherungskommando fest, dass man den Tresor der Bankfiliale nicht öffnen konnte. Der ebenfalls zur Erschießung vorgesehene Filialleiter wurde in die Stadt zurückgebracht. Nachdem ihm Versprechungen gemacht worden waren, öffnete er den Tresor. Die Soldaten entnahmen alles Geld und die Wertsachen. Danach wurde das Bankgebäude zusammen mit allen anderen Häusern der Stadt abgebrannt. Den Filialleiter führten die Deutschen zurück auf die Anhöhe, um ihn wie die anderen mehr als 700 Männer der Stadt umzubringen.62

Durch die Wirtschaftspolitik der Besatzer wurden Griechenland in großem Umfang Werte entzogen und dem Volk gewaltige Lasten aufgebürdet, die bis heute von Deutschland auch nicht ansatzweise reguliert wurden.

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