Mariana Hausleitner vor der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung über Rumänien im Zweiten Weltkrieg und den Antonescu-Kult nach 1945


Zur Eröffnung ihrer monatlichen Veranstaltungsreihe im 2. Halbjahr 2004 hatte die Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung am 8. September die ausgewiesene Südosteuropa-Expertin PD Dr. habil Mariana Hausleitner zu einem Vortrag in die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Berliner Stauffenbergstraße eingeladen.
Vor großem Auditorium sprach Frau Hausleitner über die Geschichte Rumäniens in der Zeit des Zweiten Weltkrieges und über die Verarbeitung dieser Periode im Rumänien der Nachkriegszeit, insbesondere in der Zeit nach dem Sturz Ceausescus. Die Teilnehmer der Veranstaltung waren, wie die dem Vortrag folgende rege Diskussion zeigte, vom Inhalt des Referats betroffen.
Frau Hausleitner hat die Berliner Gesellschaft autorisiert, ihren Vortrag auf der Website der Berliner Gesellschaft zu veröffentlichen.
Nachstehend geben wir den Vortrag von Frau Hausleitner nach dem Redemanuskript wieder. Die Referentin hat während der längeren Diskussion in erheblichem Maße zusätzliche Informationen dargeboten, die hier leider nicht berücksichtigt werden können.


PD Dr. Mariana Hausleitner
Rumänien im Zweiten Weltkrieg und die aktuelle Auseinandersetzung mit dem Antonescu-Kult

Welche Rolle Rumänien im Zweiten Weltkrieg spielte, ist unter rumänischen Historikern heute sehr umstritten. In der Ceausescu-Ära war Rumäniens Ostfeldzug zunehmend ausgespart worden und der Feldzug gegen Ungarn nach dem August 1944 in den Mittelpunkt gestellt worden. Daher wurden Bücher über die Deportation von Juden aus dem seit 1940 von Ungarn besetzten Nord-Siebenbürgen publiziert, aber nicht über die aus Rumänien nach Transnistrien. Damals begann eine vorsichtige Rehabilitierung von Antonescu, die nach 1990 in den Mittelpunkt rückte. 11 Jahre lang wurde dann in der Presse sowie in vielen Fachpublikationen vor allem über die Heldentaten der Armee Rumäniens im Kampf gegen den Bolschewismus berichtet. Über die Massenmorde an Juden arbeiteten lange nur die Historiker vom Forschungszentrum der Föderation jüdischer Gemeinden. Zur Deportation der Roma erschien erstmalig 1998 ein Buch. An Ehrungen für Antonescu beteiligten sich Mitglieder aller Parteien. Daher ist die Kehrtwende in der Interpretation von Antonescus Taten seit 2003 noch sehr umstritten.
Im Oktober 2003 verkündete der Staatspräsident Rumäniens die Bildung der „Kommission über den Holocaust und seine Folgen in Rumänien". Ihre Mitglieder sind zur Hälfte Historiker aus Rumänien, Israel, Deutschland und den USA. Die andere Hälfte stellen Vertreter jüdischer Organisationen und der Regierung. Den Vorsitz führt der in den USA lebende Schriftsteller Elie Wiesel, der 1986 den Friedens-Nobelpreis erhielt. Er stammt aus Siebenbürgen und überlebte als einziger aus der Familie Auschwitz. Die Kommission erforscht drei Problemkreise: 1) die Verfolgung und Vernichtung von Juden in Rumänien zwischen 1937 und 1945; 2) die Deportation von Roma nach Transnistrien und 3) die Strafprozesse zwischen 1945 und 1951 zum Komplex Kriegsverbrechen. Die Ergebnisse sollen bis Ende 2004 vorliegen.
Ich werde im Weiteren aussführen, wie es zu dieser Kehrtwende kam. Vorab werde ich darstellen, was inzwischen bekannt ist, über die Pläne der Regierung von Antonescu zur sog. ethnischen Homogenisierung. Das ist wichtig, um die Debatte einschätzen zu können, die derzeit in Rumänien läuft. Mehrere Senatoren beharren darauf, dass unter Holocaust nur die Massenmorde jener Juden zu fassen seien, die erfolgten, nachdem aus dem ungarisch besetzten Nord-Siebenbürgen die Juden in deutsche Lager deportiert worden waren.
Ich werde zuerst eine Übersicht über die Großverbrechen geben, die von der rumänischen Regierung in den Kriegsjahren initiiert wurden. In einem zweiten Abschnitt gehe ich kurz auf die Ansätze zur Aufarbeitung unmittelbar nach 1945 ein und auf die Instrumentalisierung der Debatte in der Ceausescu-Ära. In einem dritten ausführlichen Teil behandle ich die Fragen: Wer waren die Träger des Antonescu-Kultes nach 1990? Welche Ziele verfolgten sie? Abschließend wird die Frage zu beantworten sein, ob bereits von einer umfassenden Aufarbeitung dieses Geschichtskapitels in Rumänien die Rede sein kann?

I. Entwicklung der Beziehungen zwischen Rumänien u. dem Deutschen Reich

1. Phase bis 1937
Nach dem Ersten Weltkrieg hatte Rumänien sein Staatsgebiet verdoppeln können:Im Januar 1918 wurde Bessarabien besetzt. Nach dem Zerfall des Habsburger Reiches marschierte die Armee Rumäniens auch in Siebenbürgen und der Bukowina ein. Die Pariser Friedenskonferenz sprach Rumänien auch Gebiete zu, in denen viele Ungarn und Ukrainer lebten, weil die rum. Armee als Garant der Niederringung der revolutionären Bewegungen in Räteungarn u. der Westukrainischen Republik gesehen wurde.
Frankreich u. Großbritannien stützten bis 1937 alle Regierungen Rumäniens mit Krediten, obwohl sie die Auflagen zum Minderheitenschutz unterliefen und damit die 30% Nichtrumänen ein Risikofaktor blieben. Die entscheidende Wende war die Regierung einer kleinen antisemitischen Partei, die der König im Dezember 1937 mit der Regierungsbildung betraute. Die Nationalchristliche Partei hatte zwar nur 9,5% der Wählerstimmen erhalten, aber durch sie wollte Carol II. der Eisernen Garde den Wind aus den Segeln nehmen, die 15% der Stimmen erlangt hatte.
Die Goga-Regierung bemühte sich um ein enges Bündnis mit dem Deutschen Reich und verstärkte den ökonomischen Austausch. Gleichzeitig wurden die Juden aus vielen Berufbranchen verdrängt. Alle Juden mussten ihre Einbürgerungspapiere vorweisen und bis 1939 waren bereits 1/3 aller Juden staatenlos. Obwohl die Goga-Regierung nur 40 Tage an der Macht war, wurde auch unter dem autoritären Regime des Königs die Annäherung an Deutschland fortgesetzt.

2. Übergangsphase 1938-40
Nach dem Münchner Abkommen zeichnete sich für Rumänien ab, dass die Garantien der Grenzen durch den Völkerbund kein Schutz waren und die revisionistischen Forderungen besonders von Seiten Ungarns hatten zugenommen. Nach der Besetzung Tschechiens kaufte Rumänien von Deutschland Rüstungsgüter auf, die zuvor von Tschechien geliefert worden waren. Nach Deutschland gingen landwirtschaftliche Erzeugnisse und Energieträger. Der Sonderbotschafter Neubacher bezeichnete während des Frankreich-Feldzuges Rumänien als gut funktionierende Benzin-Tankstelle.

3.Das Katastrophenjahr 1940
Im Molotov-Ribbentrop-Vertrag vom August 193939 hatte sich die Sowjetunion ihren Anspruch auf Bessarabien absichern lassen. Im Juni 1940 wurde nicht nur dieses Gebiet sondern auch die Nord-Bukowina per Ultimatum eingefordert und Rumänien zog überstürzt seine Verwaltung ab. Beim Rückzug lösten sich die Truppenverbände auf, weil die Soldaten aus den abgetretenen Gebieten von den sowjetischen Verbänden zum Verbleib aufgefordert wurden. Kurz darauf wurden alle Juden aus der Armee entlassen.
In dieser Situation forderten auch Ungarn und Bulgarien Gebiete von Rumänien. Im 2. Wiener Schiedsspruch am 30.8. wurden Nord-Siebenbürgen und die Süd-Dobrudscha abgetreten. Im Fall vom Nord-Siebenbürgen setzten sich große Flüchtlingsströme in Bewegung, die rumänische Verwaltung war schon mit den Flüchtlingen aus Bessarabien und der Nord-Bukowina völlig überfordert. In dieser Situation schürte die Eiserne Garde die Unruhe und Carl II. beauftrage General Antonescu mit der Regierungsbildung. Nun kamen deutsche Einheiten ins Land und Rumänien schloß sich am 23.11.1940 dem Dreimächtepakt unmittelbar nach Ungarn an.

II. Großverbrechen während Antonescu`s Regierung
General Antonescu hatte seit September 1940 gemeinsam mit Ministern der faschistischen Organisation „Eiserne Garde" regiert. In den ersten fünf Monaten wurden die Juden zwar verfolgt und beraubt, aber getötet wurden nur wenige. Die größte Anzahl von Opfern verzeichnete der Pogrom am 21./ 23. Januar 1941 in Bukarest. Der Versuch der „Eisernen Garde", Antonescu zu entmachten war von Ausschreitungen begleitet, bei denen 118 Juden ermordet wurden. Etwa genau so viel rumänische Zivilisten kamen damals um. Auch in der Provinz gab es 117 Tote. (Martiriul, S. 72) Die Großverbrechen begannen erst kurz nach dem Angriff auf die Sowjetunion.

1. Der Pogrom in Jasi
Während der verlustreichen Kämpfe der rumänischen und deutschen Truppen beim Übergang auf das Gebiet der Sowjetukraine kamen unmittelbar hinter der Front in der Stadt Jasi etwa 13.000 Juden um. (Ancel, 2001,54) Auslöser war ein angeblicher Angriff auf die zur Front ziehenden Militäreinheiten. Die Juden, die am 28./29. Juni 1941 in der Stadt ermordet wurden, hat damals niemand gezählt. Der Historiker Jean Ancel von Yad Vashem führt den Pogrom auf die Tätigkeit einer rumänischen Einsatzgruppe des Sicherheitsdienstes SSI zurück, die in Absprache mit der deutschen Einsatzgruppe D handelte. Amtlich registriert wurde nur die Anzahl von 2.713 Juden, die nach den Ausschreitungen in zwei Lastzüge getrieben worden waren und während einer dreitägigen Irrfahrt erstickten. In Arbeiten rumänischer Historiker werden bei Jasi zumeist nur etwa 3.600 Opfer genannt. (Giurescu, S.155f)

2. Massenmorde in Bessarabien und der Bukowina
Als Stellvertreter des Staatsführers kündigte Mihai Antonescu bei der Einweisung der Amtsträger für die beiden von der Sowjetunion zurückeroberten Gebiete am 3. Juli 1941 an, dass von dort alle Juden und so genannten "fremden Elemente" in die Ukraine vertrieben würden. Beim Einmarsch der deutschen und rumänischen Armee in Bessarabien und der Bukowina wurden viele Juden sofort erschossen. Die Überlebenden brachten rumänische Gendarmen in Gewaltmärschen zum Dnestr und trieben einige Tausend in das gerade eroberte Gebiet. Die deutschen Einsatzgruppen waren aber überfordert und wollten die vielen Juden nicht übernehmen. Daher wurden sie auf dem bessarabischen Ufer des Dnestr in Sammellagern festgehalten. Da es keine Verpflegung gab, starben dort Tausende an Hunger und Mangelkrankheiten. Vermutlich gab es über 100.000 Opfer, wenn die von deutschen Einsatzgruppen getöteten Juden dazugezählt werden. Die genaue Zahl lässt sich nicht ermitteln, da nicht bekannt ist, wie viele Juden vom sowjetischen NKVD bereits 1940/41 deportiert worden oder mit der Sowjetverwaltung geflohen waren. (Ioanid, 170)

3. Großverbrechen in Transnistrien
Die deutsche Einsatzgruppe D hatte im August 1941 in dem Gebiet zwischen Dnestr und südlichem Bug bereits viele der dort lebenden etwa 130.000 Juden ermordet. Seit September 1941 kam das Gebiet unter rumänische Militärverwaltung. In Odessa ermordeten rumänische Einheiten etwa 20.000 Juden als Strafe nach einem Bombenattentat auf das Hauptquartier der Armee. Die Überlebenden wurden im Winter in den Süden Transnistriens deportiert. Dort breiteten sich Epidemien aus und die meisten Juden wurden von den rumänischen Wachmannschaften erschossen. Auch der so genannte „Selbstschutz" der deutschen Minderheit beteiligte sich an den Massenmorden. (Angrick, Buchsweiler) Seit Spätherbst 1941 wurden über 100.000 Juden aus Bessarabien und der Bukowina nach Transnistrien deportiert. Die Aktion hatte der Generalstab der rumänischen Armee organisiert. Die Juden kamen nur mit Handgepäck in einem von Kämpfen zerstörten Gebiet an und viele konnten sich bald keine Lebensmittel mehr kaufen. Sie starben an Hunger, Kälte und Mangelkrankheiten. Ursprünglich sollten die Juden weiter über den Bug Richtung Osten vertrieben werden, doch der Kriegsverlauf machte dies unmöglich. Als es den deutschen Besatzern an Arbeitskräften mangelte, erlaubten ihnen die rumänischen Bezirksverwalter einige Juden in ihr Gebiet östlich des Flusses Bug zu schaffen, wo fast alle umkamen.
Ab Herbst 1943 begann sich die Lage der Deportierten in Transnistrien zu verbessern, weil Hilfssendungen aus Rumänien gestattet wurden. Einige Deportierte durften sogar heimkehren. Die Mehrheit der Überlebenden wurde im März 1944 von der schnell vorrückenden Roten Armee befreit. In Transnistrien sind etwa 60% der aus Rumänien Vertriebenen umgekommen, von den transnistrischen Juden haben kaum welche überlebt. (Ofer) Die Zahl der beiden Opfergruppen wird zwischen 250.000 und 410.000 geschätzt. (Ancel, Ioanid, S. 289)
Rumänische Historiker geben heute zumeist die Zahl der aus Rumänien deportierten Juden mit 123.000 an, wobei sie die Zahlen des Innenministers der Antonescu-Regierung aus dem Jahre 1943 wiedergeben. Unterschlagen werden alle bereits während der Deportation Umgekommenen sowie die transnistrischen Opfer. (Giurescu, 1999, S. 156)

4. Die Deportation der Roma und weitere Vertreibungspläne
Bis Mitte 1942 waren die Planer eines ethnisch homogenen Rumäniens vom Sieg der Achsenmächte überzeugt. Der Direktor des Statistischen Amtes im Innenministerium, Sabin Manuilä, legte im Oktober 1941 Ion Antonescu einen Plan vor, wie während des Krieges schrittweise 3,5 Millionen Nichtrumänen aus Rumänien verschwinden sollten. Für die 1,3 Millionen Ungarn sowie Serben, Bulgaren und andere schlug er einen Bevölkerungsaustausch mit auswärtigen Rumänen vor. Dagegen nannte er die Deportation der gesamten jüdischen Bevölkerung und der Roma "einseitigen Transfer". (Achim) Auf Befehl von Marschall Antonescu wurden zwischen Juni und September 1942 über 24.000 Roma deportiert. Sie kamen in transnistrische Dörfer, wo es zumeist keine Arbeits- und Versorgungsmöglichkeiten gab und daher starb ein großer Anteil von ihnen. Durch die Entwicklung an der Ostfront wurde die für 1943 geplante Deportation etwa einer Million Slawen aus Bessarabien und der Bukowina nicht mehr Angriff genommen.

5. Die geretteten Juden Rumäniens
Ebenfalls nicht durchgeführt wurden die im Juli 1942 mit den deutschen Behörden vereinbarten Deportationen aller Juden aus Rumänien in die deutschen Vernichtungslager. Da sich die Frontlage zu ungunsten der Achsenmächte entwickelt hatte, mahnten in Rumänien immer mehr Stimmen zur Besonnenheit. Größere Spenden von Juden veranlassten Marschall Antonescu, die Deportation im Oktober 1942 zu verschieben. (Ioanid) Eine Kommission suchte danach nach Möglichkeiten, wie Juden gegen Geld aus dem Ausland emigrieren könnten. Durch die sowjetische Offensive musste Antonescu im Frühjahr 1944 Transnistrien, Bessarabien und die Nordbukowina räumen. Er wurde am 23. August 1944 verhaftet und eine neue Regierung schloss einen Waffenstillstand mit der sowjetischen Regierung.

III. Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Rumänien

1. Der Antonescu-Kult bis 2001
Unmittelbar nach Ceausescus Sturz begann ein Kult um zwei rechte Helden: Corneliu Codreanu und Ion Antonescu. Codreanu als ersten Führer der „Eisernen Garde" verehren vor allem rechte Studenten. Dagegen wurde Ion Antonescu der Bezugspunkt verschiedener politischer Kräfte aus dem Staatsapparat. Sie veranlassten, dass nach Antonescu Straßen benannt und in mehreren Städten Büsten aufgestellt wurden. Unzählige Publikationen erschienen, die Antonescu wegen seines Kampfes gegen den Bolschewismus positiv darstellen. Auf Antrag eines Abgeordneten der regierenden "Front der nationalen Rettung" erhoben sich im Juni 1991 anlässlich des 45. Todestages des 1946 hingerichteten Marschalls alle Senatoren zu einer Ehrung mit Ausnahme jener vom "Demokratischen Verband der Ungarn in Rumänien". Der Abgeordnete, der diese Ehrung beantragt hatte, behauptete 1994, dass jüdische Historiker dem rumänischen Volk Verbrechen anlasten wollten, um eine finanzielle Wiedergutmachung zu erlangen. (Fn)
Der Höhepunkt des Kultes war 1995, als die kleine antisemitische „Partei Großrumänien" an der Regierung beteiligt war. Ministerpräsident Nicolae Vacaroiu leugnete die Verantwortung des rumänischen Staates an der Verfolgung der Juden und lehnte eine Restitution des Eigentums jüdischer Gemeinden ab. (Jb) Bei der Wahl im November 1996 kam das Bündnis "Rumänische Demokratische Konvention" für vier Jahre an die Macht. Dessen Regierung bemühte sich verstärkt um die Aufnahme in die NATO und wirtschaftliche Unterstützung von Seiten der Europäischen Gemeinschaft. Ministerpräsident Emil Constantinescu gab im Mai 1997 öffentlich bekannt, dass die Regierung Rumäniens sich im Zweiten Weltkrieg an der Verfolgung der Juden beteiligt habe. Auch über die Restitution von jüdischem Eigentum wurden Verhandlungen aufgenommen. Doch die Kräfte, für die der Antonescu-Kult eine zentrale Bedeutung hat, begannen ihren Gegenangriff. Als Test beantragte der Generalstaatsanwalt im November 1997 die Rehabilitierung von acht Mitgliedern aus Antonescus Regierung. Im Ausland wurde dies als erster Schritt zur Rehabilitierung von Marschall Antonescu gewertet. Aufgrund der Proteste von zwei Senatoren aus den USA zog der Generalstaatsanwalt den breit gefassten Antrag zurück und rehabilitierte 1998 nur einen Staatssekretär jener Regierung. Die Initiatoren der Rehabilitierung waren außer den Angehörigen und einigen Veteranen des Ostfeldzuges vor allem Politiker aus den Reihen der "Partei Großrumänien". (Shafir)

2. Die Abwendung vom Antonescu-Kult seit 2001
Die „Partei Großrumänien", die 1996 nur 4,5% Wählerstimmen errang, verbuchte bei den Wahlen im November 2000 mit 20% einen enormen Zuwachs. Die Regierungsverantwortung übernahm 2000 die "Partei der Sozialen Demokratie", die 37% der Wählerstimmen erlangt hatte. Sie hatte bis 1995 noch eine Allianz mit der "Partei Großrumänien" gegen das von Constantinescu geführte Wahlbündnis gehabt. Doch da das Bündnis von Constantinescu zerbrach und nicht mehr im Parlament vertreten ist, entstand eine neue Situation. Seit dieser Wahl stehen nun die „Sozialen Demokraten" in einer Konkurrenzsituation mit ihren früheren Alliierten von der „Partei Großrumänien", welche die zweitstärkste Kraft wurde. Bei der neuen Polarisierung der Kräfte begann sich die regierende Sozialdemokratie als Verfechterin einer schnellen Integration in die NATO zu profilieren. Sofort nach dem 11. September 2001 öffnete Rumänien seinen Luftraum für Militärflugzeuge der USA. Aufgrund seiner strategischen Lage wird der Hafen von Constanta mit amerikanischer Unterstützung ausgebaut. Auf diese Weise gelangte Rumänien unter jene Staaten, die im November 2002 NATO-Mitglieder wurden. Durch die häufigen Kontakte mit den neuen Partnern in den USA kam es zu einer Kehrtwende in der Haltung zu Antonescu. Die Regierung hatte bereits im Juni 2001 deutlich gemacht, dass sie den Zeitpunkt für den Abschied von dem Kult für gekommen hält. Sie bewog General Chelaru, den Kommandanten des Generalstabs der rumänischen Armee, zum Rücktritt, nachdem dieser sich an der feierlichen Einweihung einer Antonescu-Büste beteiligt hatte. Das Verteidigungsministerium kündigte ein juristisches Verfahren an, weil Chelaru sich nicht an politischen Veranstaltungen hätte beteiligen dürfen. Die Veranstalter von der "Partei Großrumänien" hätten zudem eine
Person geehrt, deren Taten die internationale Gemeinschaft verurteile. Chelaru habe daher der Armee Rumäniens geschadet, die sich um die Aufnahme in die NATO bemühe.
Bei einem Besuch in den USA im November 2001 kündigte Ministerpräsident Adrian Nästase an, dass ein Gesetz gegen Ehrungen von Ion Antonescu geplant sei. Darauf reagierten mit einem Aufschrei der Empörung nicht nur Anhänger der "Partei Großrumänien" sondern auch Senatoren aus Nästases „Partei der sozialen Demokratie". So verlangte der einstige Hofpoet Ceausescus, Adrian Päunescu, Antonescu nicht ein zweites Mal hinzurichten.
Im März 2002 erließ Nästase gemeinsam mit den Ministern für Inneres, für Justiz und für Kultur eine Verordnung, die rassistische Agitation und die Leugnung des Holocaust unter Androhung von Gefängnisstrafen zwischen sechs Monaten und fünf Jahren stellt. Obwohl die Verordnung auch die Umbenennung von Straßen fordert, die nach Personen benannt wurden, denen Vergehen gegen den Frieden und die Menschlichkeit vorgeworfen wurden, geschah anfangs wenig. In einigen Städten wurden die Antonescu-Strassen umbenannt, in anderen wehrten sich die Stadträte dagegen. Selbst dort, wo es Umbenennungen gab, legten Vereine zur Rehabilitierung von Antonescu dagegen Einspruch ein. Die Abgeordneten der "Partei Großrumänien" wollen durchsetzen, dass nur diejenigen als Holocaust-Leugner angesehen werden, welche die rassistische Vernichtung im Deutschen Reich bestreiten. In Rumänien seien die Opfer in den Kriegswirren umgekommen, doch einen Holocaust habe es nicht gegeben. Ende Juli 2003 war der rumänische Staatspräsident Ion Iliescu zu einem Besuch in Israel und meinte in einem Interview, dass in den Kriegsjahren nicht nur Juden in Rumänien verfolgt wurden, sondern auch rumänische Kommunisten. Auch anderswo seien die Juden nicht die einzigen Opfer des Holocaust gewesen. Israels Staatspräsident Katsav entgegnete, dass nur die Juden ausschließlich wegen ihrer Abstammung verfolgt wurden. Die Roma erwähnte er nicht. Iliescus Stellungnahme wurde besonders heftig von Sprechern der über einer Viertelmillion aus Rumänien nach Israel eingewanderten Juden kritisiert. Sie wandten sich gegen Iliescu, weil er eine individuelle Entschädigung von Juden mit Hinweis auf Rumäniens Wirtschaftsprobleme abgelehnt hatte. (Dt. Welle)

IV. Wer waren und sind die Träger des Antonescu-Kultes?

In den ersten drei Jahren nach Ceauaescus Sturz kam die Forderung nach der Rehabilitierung von Ion Antonescu aus anderen politischen Kreisen als heute. Anfangs setzten sich für den Marschall hauptsächlich jene alten Männer ein, die wegen ihrer Teilnahme am Russlandkrieg benachteiligt waren. Ihnen ging es vor allem um ihre Gleichstellung bei den Renten mit den Veteranen des Feldzuges gegen Ungarn und das Deutsche Reich 1944/45. Diejenigen, die auch einige Jahre in stalinistischen Gefängnissen verbracht hatten, schlossen sich der „Vereinigung der ehemaligen politischen Häftlinge" an. Als deren Rentenansprüche für den Ostfeldzug und die Haftzeit anerkannt waren, begann sich 1993 die „Vereinigung" in zwei Flügel aufzuspalten. Ein Flügel um Constantin Ticu Dumitrescu kämpfte danach vor allem darum, dass die Akten des Sicherheitsdienstes „Securitate" aus den Herrschaftsjahren Ceauaescus trotz des starken Widerstandes im Parlament geöffnet werden. Der andere Flügel wollte dieses neue Ziel unterlaufen und machte sich besonders für die Rehabilitierung von Antonescu stark. Dieser Flügel gruppierte sich um Radu Ciuceanu, der zur Stärkung seiner Position 1993 von der Regierung Iliescus die Leitung eines neuen "Nationalen Instituts für das Studium des Totalitarismus" erhielt. In der Erklärung des Instituts wurden als Arbeitsfelder neben der Analyse des Kommunismus auch alle Formen des Totalitarismus in Rumänien unter Carol II., im "Nationallegionären Staat" 1940/41 und in der Regierungszeit von Antonescu angegeben. Doch schon Ciuceanus unkritischer Artikel über die Publikationen zu Antonescu von 1994 ließ vermuten, dass er befangen ist. Er nannte kein Buch über die Verfolgung der Juden und Roma. Dafür räumte er den Büchern von Gheorghe Buzatu besonderen Raum ein, der eine Stiftung zur Rehabilitierung von Antonescu (Fundatia Maresal Ion Antonescu) leitet. Ciuceanu näherte sich in der Folgezeit immer stärker den Positionen von Buzatu an, der seit Sommer 2000 auch in der "Partei Großrumänien" wirkt. Derzeit sind beide Senatoren dieser Partei, die sich besonders heftig gegen die Verordnung wendet, welche die Leugnung des Holocaust unter Strafandrohung stellt.
Wieso bemühen sich Leute wie Buzatu und Ciucianu um Antonescus Rehabilitierung? Buzatu, der auch Vizepräsident des Senats ist, hat schon unter Ceausescu mit seiner nationalistischen Interpretation der Geschichte begonnen. In den Schriften nach 1990 vertritt er vor allem drei Thesen: Rumäniens territorialer Bestand sei seit den zwanziger Jahren wegen der umstrittenen Zugehörigkeit Bessarabiens durch die Sowjetunion bedroht gewesen. Im Inneren hätte die verbotene Kommunistische Partei Unruhe geschürt, der vor allem Juden angehörten. Als sich die rumänische Verwaltung infolge des sowjetischen Ultimatums aus Bessarabien und der Nordbukowina 1940 zurückziehen musste, hätten viele Juden die rumänische Armee gedemütigt und angegriffen. Vor allem Juden hätten angeblich in den zwei abgetrennten Gebieten zwischen 1940/41 die Sowjetbehörden unterstützt und nach 1944 dem Kommunismus in Rumänien zum Durchbruch verholfen. Als Beleg für die Anschuldigungen führt Buzatu Quellen des rumänischen Sicherheitsdienstes von vor 1944 an. Das von dieser Institution verbreitete Feindbild der "Judeokommunisten" diente bereits 1941 Antonescu zur Rechtfertigung der Vertreibung der Juden aus Bessarabien und der Nordbukowina.
Mit diesen Thesen befindet sich Buzatu im rumänischen Kontext, aber keineswegs am rechtsextremen Rand. Buzatu konnte noch im Juni 2001 seine Thesen unter Beifall im renommierten Bukarester Akademie Institut „Nicolae Iorga" vortragen. Er bezeichnete Rumäniens Ostfeldzug als gerechten Krieg, weil es um die Zerschlagung der kommunistischen Gefahr ging.
Ciuceanu wiederum saß in den fünfziger Jahren im Gefängnis und gab 2000 zu, dass er nach der Entlassung für den kommunistischen Geheimdienst Securitate gearbeitet hat. Auch die Biographie des zuvor erwähnten Generalstabschefs Chelaru verweist auf enge Kontakte zum Geheimdienst, der 1990 in „Rumänischer Informationsdienst" umbenannt wurde. Diese Institution hat auch ein Forschungsinstitut gegründet. Sein Leiter bemüht sich, den Geheimdienst aus den Kriegsjahren, SSI, von der Schuld freizusprechen, an den Pogromen in Jasi und den Massenerschießungen 1941 in Bessarabien mitgewirkt zu haben. Beim Antonescu-Kult ging es also vor allem darum, eine saubere Ahnenreihe für den Geheimdienst zu konstruieren, weil die kommunistische Securitate bei der Bevölkerung nach 1990 einen schlechten Ruf hatte. Auch der erste Verteidigungsminister nach 1990, Stanculescu, schrieb, dass er schon vor Ceausescus Sturz ein Bewunderer von Antonescu gewesen sei. Und der Militärverlag druckte viele Werke aus den Kriegsjahren.
Angesichts der Tatsache, dass bei Umfragen in Rumänien 67% der Befragten großes Vertrauen in die Armee bekunden, hat es diese Institution kaum nötig, ihre Legitimität mit dem Antonescu-Mythos zu befestigen. Am klarsten lassen sich die Ziele der Verehrer von Antonescu aus der „Partei Großrumänien" ausmachen. Ein junger Abgeordneter, Vlad Hogea, publizierte 2001 das Buch "Der Nationalist", in dem er offen gegen die Juden und Roma im heutigen Rumänien hetzt. Auch der Parteichef Corneliu Vadim Tudor behauptet, dass Rumänien nach der Wende von einer "jüdischen Mafia" versklavt worden sei. Er sucht Unterstützung bei fremdenfeindlichen Kräften im Ausland und betonte anlässlich eines Besuches bei Le Pen, dass sie gemeinsam gegen die Globalisierung kämpfen. Die wachsende Armut in Rumänien wird internationalen Organisationen und den nationalen Minderheiten angelastet. Der Antonescu-Kult ist nur ein Muster in dieser Argumentation, die suggeriert, dass "Fremde" das rumänische Erbe bedrohen. Die Feinde sind austauschbar: Russen, Ungarn, Juden oder Roma. Hauptsache, die Schuld liegt bei den "Anderen". Weil diese Denkweise bereits unter Ceausescu verbreitet wurde, ist sie heute tief verwurzelt.
Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Antonescu-Kult halte ich für besonders wichtig, weil es in Rumänien aufgrund der sozialen Probleme viele Vorurteile gegenüber Roma gibt. In den Publikationen rechter Gruppen wird die Deportation der Roma nach Transnistrien als richtige Lösung bezeichnet und weil heute kein Besatzungsgebiet zur Verfügung steht, die Ghettoisierung der Roma propagiert. Durch juristische Verfahren können solche Publikationen nun aus dem Verkehr gezogen werden, doch damit verschwinden die Feindbilder nicht, die sich in den Köpfen eingenistet haben.

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