Manfred Weißbecker/Jena: "... uns hat der Krieg behütet für den Krieg"
Nachkriegs-Katastrophe: Erinnerungspolitik.


"Worte sind heute Schlachten: Richtige Worte gewonnene Schlachten, falsche Worte verlorene Schlachten."1 Dieses Zitat, allen Weltkriegskennern sicher geläufig, entstammt jener Denkschrift, die auszuarbeiten Erich Ludendorff angefordert hatte. Major Hans von Haeften, Chef eines Kriegspresseamtes, lieferte sie am 3. Juni des letzten Kriegsjahres ab. Ihr Inhalt schien neue Siegeshoffnung zu wecken.2 Doch mit Worten den Krieg gewinnen wollen - war das nur gesponnen, überzogen und situationsbedingter Suche nach irgendeiner wunderbaren Waffe geschuldet, die den kaum mehr zu erwartenden Sieg doch noch bringen könnte? Oder wollte da jemand lediglich seinem Amte und den Medien mehr Aufmerksamkeit und die Aura geschichtlicher Bedeutsamkeit verliehen sehen? Nein, der Major, später leitend im Reichsarchiv tätig und spiritus rector des amtlichen Weltkriegswerks, traf durchaus ins Schwarze! Seine Aussage, so bedeutungslos sie für das letzte Kriegsjahr gewesen sein mag - sie erwuchs aus der bis dahin betriebenen Kriegspropaganda3 und erreichte ein brisantes Gewicht in jenen Jahren, die gleichermaßen eine Nachkriegs- und eine neue Vorkriegszeit darstellten.
Ja, wortgewaltige Erinnerungen an den Krieg prägten nach 1918 weitgehend das geistig-mentale Leben. Dazu seien hier einige ausgewählte Überlegungen vorgetragen. Sie betreffen die Voraussetzungen, die Inhalte sowie Formen und Entwicklungstendenzen im Verwenden "richtiger Erinnerungsworte", also solcher, die zu neuen, zu siegreichen Schlachten führen sollten. Mein Beitrag gilt insbesondere einer konservativ-nationalistischen Erinnerungspolitik, in deren Ergebnis bestimmte Denk- und Verhaltensmuster einerseits genutzt und befördert sowie andererseits zielbewusst geschaffen wurden.4
Beginnen möchte ich jedoch mit allgemeineren Bemerkungen, die abseits von geschichtlichen Themen zu liegen scheinen und andere Wissenschaftsgebiete berühren. Was Menschen erleben, erfahren, fühlen und empfinden - alles das findet bekanntlich mehr oder weniger Raum in ihrem Gedächtnis, gerät zu einem Bestandteil ihrer Erinnerungen. Das Gehirn - modern gesprochen - speichert kleine Geschehnisse oder große Ereignisse, Belangloses oder Bedeutsames, Erfreuliches oder Erschreckendes. Menschen leben mit Erinnerungen. Ohne diese lässt sich das Leben in allen seinen Facetten kaum vorstellen. Nach Verarbeitung, Wertung und Abruf erwachsen aus ihnen schließlich Handlungen. Dabei zeigt sich, in welch hohem Maße Erinnerungen abhängig sind vom Eingebettetsein des Individuums in die Gesellschaft. Sie sind insofern Ausdruck und Ergebnis sozialer Prozesse.5 In deren Rahmen wird in Vergangenes rekonstruiert, kategorisiert, verändert, reduziert oder gar neu produziert - alles stets in Kenntnis des jeweils Gegenwärtigen. Hinreichend Raum ist so geboten sowohl für gezielte Beeinflussung jedes Menschen als auch für dessen Bereitschaft, sich beeinflussen zu lassen.
Dies belegt jeder alltägliche Blick in den kapitalistischen Wirtschaftsbetrieb: Nicht ohne Grund gilt Werbung als sein unentbehrliches Schmiermittel. Ohne Reklame sei er nicht in Gang zu halten, heißt es. Und ebenso unverblümt wird gefordert, potenziellen Kunden geschäftstüchtig ins Gehirn - ich zitiere - zu "kriechen" und möglichst viele Menschen - ich zitiere erneut - mit "schnellen Schüssen ins Gehirn"6 für den Erwerb eines bestimmten Produkts zu bewegen.7 Reklame, Suggestion, Gehirnwäsche, Gleichschaltung, Seelenmassage usw. - so lauten landläufig verwendete Begriffe, mit denen zweckorientiertes mediales Dauerfeuer8 und systematisch betriebene Manipulation umschrieben wird, in welchem Bereich des Lebens der Gesellschaft auch immer.
Um deren Wirksamkeit zu untersuchen, zu erklären und natürlich auch um sie verstärken zu können, wird seit langer Zeit intensiv auf dem Gebiet der "Hirnforschung" gearbeitet. Diese fragt, verkürzt gesagt, nach dem Funktionieren der Nervenzellen, nach den neuronalen Mechanismen des Denkens und zwischenmenschlicher Kommunikation. Gefragt wird auch danach, wie und wann im Hirn Gespeichertes abgerufen wird, was bei welchen Anlässen und unter welchen Voraussetzungen auftaucht oder schlicht vergessen wird, welche Erinnerungen wann andere verdrängen, überwölben oder ganz und gar umformen.9 Einige Hirnforscher betonen die Macht des Unterbewusstseins und meinen, der Mensch sei dessen Marionette. Das Gehirn fungiere als Autopilot und alles sei durch "Verschaltungen" der grauen Zellen determiniert. Man würde nur glauben, der Verstand sei es, der die Welt regiere. Das Hirn lasse indessen dem Menschen überhaupt keine Willensfreiheit zu. Und weil das so sei, müsse alles, was bislang als Moral, Verantwortung, Rechtsprechung usw. gefasst würde, neu geprüft werden. Auf einen fatalistischen Punkt gebracht lautet die These: "Keiner kann anders als er ist. Verschaltungen (also unbeeinflussbare Vorgänge im Hirn, M.W.) legen uns fest. Deshalb wäre es verfehlt, von Freiheit zu reden.10 Ebenso sei der "Mythos Intelligenz" ad acta zu legen.11
Nach meiner Auffassung sollte sich auch der Historiker von Fragestellungen und Ergebnissen kognitions- und neurowissenschaftlicher Forschungen berührt sehen; wohl wissend um die Tatsache, dass es Menschen sind, die Geschichte "machen", sowie berücksichtigend, dass dies stets unter bestimmten Voraussetzungen und Bedingungen geschieht.12 Das Thema gehört natürlich auch in eine Veranstaltung über Ursachen und Folgen des Ersten Weltkrieges.13
Drei Gründe seien angeführt: Zum einen weil in zahlreichen Geschichtsdarstellungen neuerdings verstärkt alle kausalen Aspekte dem "Raubtierinstinkt der menschlichen Natur" zugeschrieben14 , als "archaiasche" oder "ethnisch begründete" Gewalt beschrieben15 sowie auf Fremdenhass, Phobien und/oder Feindbilder zurückgeführt werden.16 Zum anderen können viele Begriffe, mit denen das damalige Geschehen beschrieben wird, in die Irre führen: Da geht die Rede nur von Paranoia, von unglücklichen Verläufen, von Versagen, von Unfähigkeit und Leichtsinn, von Ängsten, die sich Bahn gebrochen hätten.17 Und schließlich ähnelt die These, das menschliche Handeln sei entscheidend durch "Hirnkausalität" bedingt18 , arg den jüngst in die Welt gesetzten Behauptungen über die "Schlafwandler".
Gern wird gerade unter solchen Aspekten vom Ersten Weltkrieg als der "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts gesprochen. Dem Begriff, so zutreffend die außerordentlich weitreichenden, zerstörerischen und unmenschlichen Folgen damit gekennzeichnet sein mögen, haftet jedoch vor allem etwas Naturgesetzliches, etwas anscheinend nicht zu Erfassendes und die Kriegsursachen letztlich Verklärendes an. Nebenbei: Christlicher Anthropologie entsprang schon lange zuvor der parallel verwendete Begriff von der "Ursünde", mit dem ein Hineingeborensein aller Nachkommen in eine Unheilsgeschichte begründet wird.
Bei meinen Überlegungen zu den Deutungen des Ersten Weltkrieges in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts möchte ich den Blick weniger auf den Bereich der persönlichen Erinnerungen lenken, weder auf individual-psychologische Merkmale noch auf das Verblassen und Verklären von Erinnerungen im Laufe der Zeiten. Schmerz und Trauer im individuellen Verarbeiten von Kriegserlebnissen sind nicht auszuklammern, doch entgegen allen rein psychohistorischen und anthropologischen Deutungen erlangten sie Geschichtswirksamkeit wohl insbesondere durch eine richtungsweisende Überlagerung und verformende Färbung, durch eine bewusst betriebene, umfangreich organisierte und außerordentlich folgenreiche Erinnerungspolitik.
Ich bestreite keineswegs die Existenz eines spannungsreichen Verhältnisses zwischen individuellem Trauerbedürfnis einerseits und Einfluss nehmender Erinnerungspolitik andererseits, meine aber, dass es notwendig ist, wenn es um Erfassung von Entwicklungslinien sowie um die kausale Erklärung geschichtswirksamer Prozesse geht, den Blick mehr auf die geschichtspolitisch und propagandistisch instrumentalisierte Erinnerung an den Ersten Weltkrieg - also auf die "Brandstifter"19 in Friedenszeiten - zu richten, weniger auf die, welche dazu einen empfangsbereiten Boden abgaben.20
Geht es um diesen "Boden", sollte übrigens niemand die Tatsache übersehen, dass unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg vielenunter den Deutschen das Wort "Nie wieder Krieg!" als Lebensmaxime galt, dass sie in den neuen parlamentarisch-demokratischen Strukturen an die Möglichkeit entweder einer Überwindung des Kapitalismus oder zumindest an die seiner Begrenzung glaubten. Bei vielen Menschen dominierte eine Stimmung des Aufbruchs. Lautstark, nachdrücklich und unüberhörbar erscholl der Ruf nach einer Vergesellschaftung der Produktionsmittel, nach Sozialisierung von Bergbau und Schwerindustrie, und damit nach einer weitgehenden Entmachtung von Großindustriellen und Großagrariern. Selbst bürgerlich-demokratische Kreise erklärten: "Die bisherige Gesellschaftsordnung hat uns in den Abgrund geführt [...] Nur die sozialistische Gesellschaft kann die Völker vor dem Verfall in die Barbarei retten."21
Tatsächlich hatte sich zunächst ein neuer Geist bemerkbar gemacht; dies auch im geistig-kulturelle Leben, das mannigfaltig die von Revolution und Weimarer Verfassung gebotenen Möglichkeiten nutzte, widerspiegelte und verteidigte, so den kritischen Vorkriegs- und Antikriegsgeist fortführend. Aufbruchsideen regten sich und erfassten Menschen aller Lebensbereiche - Künstler, Frauen, Jugendliche, Intellektuelle. In zahlreichen Werken von Schriftstellern, Malern, Baumeistern usw. fand die historische Dimension des Wandels bemerkenswerten Niederschlag. Strikte Ablehnung von Monarchie, Krieg, Militarismus, Deutschtümelei und imperiales Großmachtstreben verband sich mit vehement vorgetragenen Gedanken an eine Zeit notwendiger Veränderungen der Gesellschaft. Nachdrücklich wurde Menschheitserneuerung verlangt, Neues gesucht und erkundet. vDem wurde massiv entgegengewirkt, und das nicht erst, als in den letzten Jahren der Weimarer Republik diekriegsverherrlichende und nationalistische Literatur zu dominieren begann.22 Bereits in den ersten Jahren der Weimarer Republik empfanden es Weimars Militärs und ihre geistigen Kopfflechter empörend, wie weit verbreitet die Vorstellung von einer Zukunft ohne Krieg unter der Bevölkerung war. Hans von Seeckt, Chef der Heeresleitung, bezeichnete ein solches "Friedensbedürfnis" und den Ruf "Nie wieder Krieg" schlicht als "töricht".23 Zwar ging von der Weimarer Republik kein Krieg aus24 , worauf zu verweisen in der heutigen Berliner Republik sehr sinnvoll ist. Hatte jedoch bis 1918 der Krieg vor allem als Fortsetzung von Politik gegolten, so wurde dieser nun direkt in die Politik hineingezogen. Jeglichen Ansätzen einer Friedenspolitik, selbst jenen Bemühungen, die mit den Stichworten Rapallo, Locarno, Völkerbund und Abrüstung angedeutet sein sollen, wurden mächtige Steine in den Weg gelegt - innenpolitische, rüstungswirtschaftliche, außenpolitische und geistige. Nach meiner Auffassung bestand - ich bleibe im gewählten Bild - einer der dicksten Brocken in der zielorientierten Nutzung von menschlicher Trauer und Trost suchendem Gedenken an die Opfer des Krieges.
Von Anfang an bemächtigten sich konservative Kreise des politischen Erinnerns an den Krieg, mehr noch an die Niederlage, alles aber vielgestaltig, umfassend und zielorientiert und gerichtet gegen alle menschlichen Friedensbedürfnisse. Nach meinem Dafürhalten lässt sich das Konzeptionelle ihrer damaligen Erinnerungspolitik hauptsächlich in vier Punkte fassen:

  • Erstens zeichneten sich in allen breit gefächerten, inszenierten, medial intensiv und demonstrativ unterstützten Darlegungen solche erinnerungspolitischen Argumentationsmuster ab, die zwar den Frieden als erstrebenswert priesen, gleichzeitig jedoch den Krieg generell als unabänderlichen Teil der Menschheitsgeschichte werteten25 sowie die spezielle deutsche Kriegsniederlage - gleich ob direkt oder unterschwellig - mit der Frage verknüpften, wie in der Zukunft alles wettzumachen sei und was dafür in der Gesellschaft insgesamt und speziell auf den Gebieten Aufrüstung, Kriegführung und Kriegspsychologie unternommen werden sollte.26 Dabei wandelte sich das Entsetzen über den Krieg rasch in eines über die unmittelbaren Kriegsfolgen.
  • Zweitens wurde konsequent eine Umwandlung von privatem Schmerz zu "stolzer Trauer"27 betrieben. Dem diente ständiges Lobpreisen von Opferbereitschaft28 und ein sich exzessiv steigernder Kult um die Opfer des Krieges, was einerseits Sakralisierung des soldatischen Todes und andererseits Säkularisierung des kirchlichen Märtyrer-Kultes bedeutete. Zunehmend wurden die auf den Schlachtfeldern Gefallenen, die Verwundeten und auch die Überlebenden zu "Helden" stilisiert. Auf dem damaligen "Schlachtfeld Erinnerung"29 verschoben sich deren Kennzeichen von Mut, Kühnheit und Tapferkeit hin zu Ausdauer, Beharrlichkeit, Treue und Gehorsam gegenüber den Befehlshabern sowie unerschütterliche Bereitschaft zur Pflichterfüllung. Gern wurde "wahres" oder "echtes Heldentum" gepriesen.30 Im Kult um die toten "Helden" entfalteten sich - wie Sabine Behrenbeck in ihrer Arbeit über den der Nazis schreibt - destruktive Fantasien, die einer "Lizenz zum Töten" gleich kamen.31 Darüber hinaus diente der Heldenkult als Folie für das fordernde Herausstellen messianischer "Erlöser" und für das Entfalten eines zunächst allgemeinen, später jedoch vor allem auf Hitler bezogenen Führer-Kultes.32
  • Drittens verstärkte sich die Mystifizierung des deutschen Soldatentums und dessen angeblich generell gegebener Überlegenheit über Menschen und Militärs anderer Länder. Generell stand im Vordergrund stand ein ausschließlich auf die eigene Nation bezogenes, sich mehr und mehr rassistisch färbendes Selbstbild: Der Deutsche als angeblich generell friedlicher, zu Kriegen stets nur gezwungener und kulturell, in Technik wie Wissenschaft allen anderen Völkern überlegener Mensch. Dieses Selbstbild hatte Existenz und Fortwirkung alter wie neuer Feindbilder zu legitimieren.33 Im Bild von den Fremden sahen sich diese auf eine niedere kulturgeschichtliche Stufe gesenkt, als schwach, niederträchtig und minderwertig charakterisiert. Aus biologistisch-rassistischen Denkstrukturen ergab sich später die Rechtfertigung des "Ausmerzens" von "unwertem Leben" sowie von "Untermenschen", wie es in der Sprache der Faschisten hieß. Es erfolgte eine "Erziehung zum Krieg" - darin übrigens der Erziehung zum Krieg im Deutschen Kaiserreich vergleichbar34 , nur dass jetzt auch durch den Krieg, seine Darstellung, seine Deutung usw. "erzogen" werden sollte.
  • Schließlich bestand viertens die Erinnerungspolitik der damaligen Nachkriegszeit aus einer ausgesprochen nationalistisch-kriegerisch gefärbten und zudem religiöse Heilsvorstellungen nutzenden35 Orientierung auf eine als ideal dargestellte Zukunft. Um diese erreichen zu können, sei es in erster Linie notwendig, entsprechend dem Modell der (fiktiven!) Schützengraben-Gemeinschaft in einer wahren deutschen "Volksgemeinschaft" alle Spaltung in Klassen und Parteien zu überwinden.


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In dieser Art politischen Erinnerns an den Krieg setzte der sich fort.
Realistisch-kritisch denkende Zeitgenossen erkannten das rasch. Heinrich Mann verglich die Rüstung des Kaiserreiches mit der Wiederaufrüstung der Republik und sprach von einer "Verschwörung des Staates mit den Konzernen, mit der Klasse der Verdiener" sowie von "Abneigung des regierenden Personals, irgend etwas unmittelbar mit dem Volk zu tun" haben zu wollen.36
1922 meinte der bekannte liberale Pazifist Hellmut von Gerlach, es sei in Deutschland zur entscheidenden Frage geworden: "Zurück zu 1914 oder los von 1914?"37 Zwar wüssten auch die Rechten, dass Deutschland keinen Krieg führen könne: "Aber sie wollen den kriegerischen Geist im Volke aufrechterhalten oder, soweit er nicht mehr existiert, ihn wieder wachrufen. Sie predigen Hass und Hoffnung auf Revanche."38 Und es war Kurt Tucholsky, der sich darüber mokierte, weshalb in Deutschland der Segelflug - an sich ja, wie man denken sollte, ein harmloser Sport - als "ein stolzes Zeugnis deutschen Geistes" gepriesen werde. Er fragte, wozu müsse eigentlich selbst in diese Betätigung "das Gift des Nationalismus hineingetragen" werden. Seine Antwort: "Weil in Deutschland keine Verdauungsstörung vor sich geht, ohne dass nicht einer dazu brüllt: 'Im Felde unbesiegt! Trotz allem!' [...] Es ist übelste Wichtigmacherei, Nationalismus, geistige Aufrüstung an allen Ecken und Enden und Reklame für den nächsten Krieg."39
Damit hatte der Publizist benannt, was inhaltlich im Mittelpunkt aller Erinnerungspolitik der Weimarer Republik stand: Der Versuch, die eigene Unschuld am Krieg und die Schuld, zumindest aber die Mitschuld der anderen nachzuweisen. Alles rankte sich um die Behauptung, die militärische Niederlage sei von meuternden Proletariern, hinterhältigen Juden, verantwortungslosen Pazifisten usw. verursacht worden. Das zu verbreiten leistete wirksame Schützenhilfe für jene, die mit Waffengewalt gegen die als "innere Feinde" diskreditierten Streikenden und um revolutionäre Ziele kämpfenden Arbeiter vorgingen, für jene, die vor politischen Morden nicht zurückschreckten und die von Anfang an Pläne für einen neuen Waffengang schmiedeten.
An vorderster Stelle mussin diesem Zusammenhang von der Dolchstoßlegende40 gesprochen werden, doch Bekanntes soll hier nicht wiederholt werden. Zu verweisen ist indessen auf die Tatsache, dass der Staat eigene Ämter schuf, die einzig und allein auf ihr beruhende Propaganda betrieben und koordinierten. So hatte das Auswärtige Amt bereits Ende 1918 ein spezielles Büro eingerichtet, das seit 1919 als "Kriegsschuldreferat" fungierte und sich auch als "Zensur"-Behörde betätigte. Mit dem von ihm gesammelten Material wurde deutsche Kriegsschuld geleugnet und zugleich jenen Vorwürfen entgegnet, Deutschland habe im Krieg das Völkerrecht missachtet.
Es lohnt an dieser Stelle allerdings ein kurzer Blick auf deutsche Historiker. Eine übergroße Mehrheit diente beflissen dem Mainstream.Nur wenige widersprachen, darunter vor allem Eckart Kehr, aber auch Hermann Kantorowicz und Arthur Rosenberg.41 Sie stießen zumeist nicht so sehr auf kritische Gegenargumente, eher auf hasserfüllte Ablehnung. Nur ein Beispiel sei erwähnt: Der konservative Gerhard Ritter diffamierte Kehr als einen "für unsere Historie ganz gefährlichen 'Edelbolschewisten'" und empfahl ihm, er solle doch "gleich lieber in Russland habilitieren".42 Wäre es nicht, nebenbei gesagt, lohnenswert, gewisse Traditionslinien solcher Geisteshaltung aufzuspüren?
Im Grunde darf die Dolchstoßlegende auch als eine Folie gelten, vor deren Hintergrund es rasch nach Kriegsende Bemühungen um die Fürsorge für die Gräber deutscher Soldaten im Ausland gab. Dafür wurde Ende 1919 ein eigener Bund geschaffen, der "Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge" (VDK). Die Präsidentschaft übernahm Oberst Joseph Koeth, der 1918/19 für die Demobilisierung zuständig gewesen war und zugleich als ein führendes Mitglied im "Reichsverband der Deutschen Industrie" sowie bis 1930 auch als Vorsitzender der "Deutschen Weltwirtschaftlichen Gesellschaft" fungierte. Ihm folgte im Amt Pfarrer Fritz Siems, der den "Hass gegen den Erbfeind Frankreich" predigte und zugleich und das Alte Testament zitierte: "Du sollst Deinen Freund lieben und Deinen Feind hassen, Auge um Auge, Zahn um Zahn." Emmo Eulen, einer der Mitbegründer des VDK, nannte als Ziel seiner Organisation, es gelte, "die heldische Lebensauffassung im deutschen Volke wiederzuerwecken." Später - da stand er schon den Nazis nahe - betonte er die Diskrepanz der Ziele des VDK zu den "art- und volksfremden Machthabern des Jahres 1919." Mit Recht erklärten Politiker der Arbeiterparteien, das Gedenken an die Toten des Weltkrieges werde "missbraucht, um einen verderblichen Revanchegedanken zu wecken und wachzuhalten."43 Schaut man heute in offizielle Darstellungen dieses Bundes, wird man selbst den leisesten Hauch einer selbstkritischen Rückschau vermissen und alles nur als "Dienst am Frieden" dargestellt sehen.44
Erst 1926 führten die Bemühungen des VDK zur Einführung eines "Volkstrauertages", der allerdings ohne eine gesamtstaatliche Regelung blieb. Eine Analyse der Redner und ihrer Ansprachen sowie der Gestaltung des jeweiligen "Ehrengedenkens" an die Gefallenen lässt - von wenigen Ausnahmen abgesehen - erkennen, dass Mitleid, Weinen, Trauern als unheroisch, als unvölkisch galt und regelrecht stigmatisiert wurde.45 Dem Volkstrauertag sollte daher wenig Bestand beschieden sein: im Februar 1934 erhielt er die Bezeichnung "Heldengedenktag", wobei davon mitunter schon Mitte der 20er Jahre getönt worden ist.

Stichwortartig sei noch verwiesen auf weitere Erscheinungsformen politischer Erinnerungsarbeit in der Weimarer Republik. Zu erwähnen wäre
  • das Wirken jener Vielzahl an Organisationen, die unmittelbar nationalistisch-revanchistische Propaganda gegen den Versailler Vertrag auf ihre Fahnen geschrieben hatten46 : "Deutscher Schutzbund", "Deutscher Ostbund" usw. usf. Als zentrale Einrichtung zur Finanzierung und Koordinierung aller Deutschtums-Organisationen und -institutionen in den Gebieten, die dem Versailler Vertrag entsprechend von Deutschland abgetrennt worden waren, gründete die Regierung am 22. November 1920 die halbstaatliche "Deutsche Stiftung". Im Frühjahr 1921 trat mit dem "Arbeitsausschuss Deutscher Verbände" ein neuer Dachverband in Erscheinung. Ihm gehörten zunächst etwa 500, später sogar fast 2000 einzelne Organisationen an, die sich alle propagandistisch mit dem Vertrag von Versailles und insbesondere mit dessen Artikel 231 befassten. Eines seiner Ziele bestand darin, die "deutsche Volksbewegung" für eine Revision des Versailler Vertrages zu einer "Weltbewegung" zu erweitern. Da passte es, dass 1924 mit Heinrich Schnee, der ehemalige kaiserliche Gouverneur der Kolonie Deutsch-Ostafrika und bald der NSDAP angehörig, die Präsidentschaft des Ausschusses übernahm. Ein kleines Detail sei am Rande erwähnt: Hans Draeger, seines Zeichens Geschäftsführer des Ausschusses, wurde 1933 Abteilungsleiter beim Wehrpolitischen Amt der NSDAP.
  • das Wirken von Kriegervereinen und paramilitärischen Verbänden, von denen u.a. der "Kyffhäuser-Bund" über 2,5 Millionen und der "Stahlhelm-Bund der Frontsoldaten" über fast eine halbe Million Mitglieder verfügte;
  • das weite Feld der Kriegerdenkmale47 ;
  • das vor allem unter Studenten grassierende Langemarck-Gedenken48 ;
  • die ungeheuer große Zahl von Publikationen aus der Generalstabs-Historiografie und sogenannter Regimentsgeschichten;
  • die Tätigkeit der trotz aller Krisen stets finanziell geförderten Stuttgarter Weltkriegsbücherei49 ;
  • die Verbreitung der zu Beginn des Krieges entstandenen Frontliteratur und den literarischen Lobpreisungen des Soldatentums.50 Letzterem dienten u.a. Werke von Gorch Fock, Hermann Löns und Walter Flex als im Ersten Weltkrieg gefallener Dichter, die weit verbreitet waren und deren Wirkung kaum zu überschätzen ist. Neben den Büchern von Beumelburg, Dwinger, Jünger, Schauwecker, Schmückle, Zöberlein51 gehörten auch sie in den letzten Weimarer Jahren zu einem bildungsbürgerlichen Kanon. In ihm manifestierte sich ein zeittypisches Kondensat aus nationalistischem Idealismus, sozialdarwinistisch-vitalistischer Kriegsbejahung, Sehnsucht nach Volkseinheit, bedingungsloser Hingabe des einzelnen für das Vaterland und opfermythischem Heldenkult.52
  • Eigenständige und umfassende Kapitel wären ferner auch klerikaler Kriegsrechtfertigung und jenen Bemühungen zu widmen, den Krieg mit einer religiösen Aura zu versehen.53
  • Ebenso dürfen die Schulen nicht unerwähnt bleiben. Der Weltkrieg war noch nicht zu Ende, da veröffentliche der Altenburger Schuldirektor Christian Ufer ein Buch mit dem Titel: "Schulerziehung nach dem Krieg". Aus ihm sei ein einziges Zitat angebracht: Die "Vorbereitung auf einen künftigen, hoffentlich in weiter Ferne liegenden Krieg [...] muss unser ganzes Volkstum erfassen. [...] Es gilt erneut und zweifellos in noch höherem Grade als schon bisher die Schaffung eines Volkes in Waffen, und ein ganz wesentlicher Teil an der Lösung dieser Aufgabe fällt unstreitig der Schulerziehung zu."54

Die Hauptadressaten politischer Erinnerungsarbeit war die Jugend, sozusagen das "Menschenmaterial" eines künftigen Krieges.55 Sowohl unter den männlichen, aber auch unter den weiblichenJugendlichen sollte Bereitschaft zum Selbst-Opfer in weiteren Kriegen geweckt werden. Dazu trugen nicht zuletzt auch die Jugendverbände der meisten Parteien bei. Überschaut man dieses Feld, ergibt sich ein ernüchternder, zugleich erschreckender Gesamteindruck von Umfang und Wirkung zielorientiert betriebener Geschichtspolitik. Und es fällt auf, in welch hohem Maße nahezu alle Jugendorganisationen nationalistisch orientiert gewesen sind, keineswegs also nur die am rechten Rand der Gesellschaft angesiedelten.
Die große Zahl der Schnittmengen zwischen rechtem und rechtsradikalem Kriegsgedenkens berechtigt zu der Aussage, dass in dieser Hinsicht 1933 keine tief greifende Zäsur darstellt.56 Vielmehr wurden schon vorher weitgehend die hauptsächlichen Elemente des Kriegs- und Heldengedenkens der Faschisten als konsensfähig betrachtet. Man könnte auch sagen, sie wurden nahezu als selbstverständlich hingenommen und für bündnispolitische Erwägungen genutzt. Dem darf, nein: dem muss eine für die Zeit bis 1933 eine systemzerstörende, für die Zeit danach eine systemstabilisierende Wirkung zugesprochen werden.Der verlorene Krieg, der sollte gleichsam rückwirkend gewonnen werden. Dafür wurde indoktriniert und mobilisiert, mit anderen Worten: eine "kriegsadäquate Konditionierung"57 betrieben. Als des "Daseins Sinn" verkündete Baldur von Schirach 1929: "[...] uns hat der Krieg behütet für den Krieg!"58 Behütet für den Krieg - das hieß auch, der geistigen und mentalen Vorbereitung die körperliche "Ertüchtigung" folgen zu lassen, entsprechend einer nicht erst seit 1933 geltenden Devise, alles Denken und Handeln der künftigen Krieger so auszurichten, als ob ein neuer Krieg unmittelbar bevorstehe oder sogar schon da sei.59 Und das alles in Friedenszeiten!

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Am Beginn meines Vortrages zitierte ich, dass mit "richtigen" Worten Schlachten gewonnen oder verloren werden könnten. "Worte müssen rollen für den Krieg", so titelte jüngst "Die Welt". Abschließend und ergänzendmöchte ich diesmit einem in der Tat leider völlig berechtigten Wort Eric Hobsbawms. Die Geschichte, so sagt er, seieinsetzbar als eine gefährliche Waffe.60 Das giltgenerell- auf jeden Fall und in jeder Hinsicht aberfür die hier behandelte kriegsfördernde Erinnerungspolitik, die weitgehend menschliches - oder sollte man besser sagen: unmenschliches -Verhalten steuerte, die kriegsfördernden Charakter trug. Die Erinnerungspolitik Weimarer Regierungen, rechter Parteien und die der deutschen Faschisten muss bewertet werden als eine verheerende Nachkriegs-Katastrophe.
Zugleich handelte es sich um eine Vorkriegs-Brandstiftung. Diese missachtet und verletzt - wann auch immer, wo auch immer - alle Menschenrechte, und das allein verlangt, generell geächtet, wenn nicht sogar als straffähiges Verbrechengeahndet zu werden.



Anmerkungen
  1. Zit. nach Jeffrey Verhey: Der "Geist von 1914" und die Erfindung der Volksgemeinschaft (2000), S. 327.
  2. Haeften hatte vorgeschlagen, einen politischen Sieg hinter den feindlichen Fronten durch aktive und über deutsche Ziele täuschende Propaganda zu erreichen. Die Westmächte sollten den Eindruck gewinnen, in Deutschland gäbe es eine starke Gruppe, die für einen Frieden der allgemeinen Verständigung wirke. Eine "Vergewaltigung der Randstaaten" sei nicht vorgesehen, allerdings seien die Annexionen im Osten "gegen die zerstörerischen Kräfte des Bolschewismus"erforderlich". Siehe Manfred Nebeling: Ludendorff. Diktator im Ersten Weltkrieg (2010), S. 426 ff.
  3. Siehe Klaus-Jürgen Bremm: Propaganda im Ersten Weltkrieg (2013) sowie die Rezension dieses Bandes durch Gerhard Engel in: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, H. 2014/II, S. 245 ff.
  4. Zum Thema liegen zahlreiche Publikationen vor, die unterschiedliche Aspekte darstellen. Siehe u.a. Janina Fuge: Zwischen Kontroverse und Konsens. "Geschichtspolitik" als pluralistische Bewährungsprobe der deutschen Nachkriegsgesellschaft in der Weimarer Republik. In: Harald Schmidt (Hg.): Geschichtspolitik und kollektives Gedächtnis. Erinnerungskulturen in Theorie und Praxis (2009), S. 123-142; Ulrich Heinemann: Die verdrängte Niederlage (1984); Peter März: Nach der Urkatastrophe. Deutschland, Europa und der Erste Weltkrieg (2014); Bernd Ulrich: Die umkämpfte Erinnerung. Überlegungen zur Wahrnehmung des Ersten Weltkrieges in der Weimarer Republik. In: Kriegsende 1918. Hrsg. von Jörg Duppler und Gerhard P. Groß, München 1999. S 367-375; Kriegsbegeisterung und mentale Kriegsvorbereitung. Interdisziplinäre Studien. Hrs. von Marcel van der Linden und Gottfried Mergner unter Mitarbeit von Herman de Lange (1991); Volker Ackermann: Nationale Totenfeiern in Deutschland. Von Wilhelm I. bis Franz Josef Strauß. Eine Studie zur politischen Semiotik (1990); Gerd Krumeich (Hrsg.): Nationalsozialismsu und Erster Weltkrieg (2010); Der Erste Weltkrieg in der populären Erinnerungskultur. Hrsg. von Barbara Korte, Sylvia Paletschek und Wolfgang Hochbruck (2008); Alexandra Kaiser: Von Helden und Opfern. Eine Geschichte des Volkstrauertages (2010); Jost Dülffer und Gerd Krumeich (Hrsg.): Der verlorene Frieden. Politik und Kriegskultur nach 1918 (2002); Edgar Wolfrum: Geschichte als Waffe. Vom Kaiserreich bis zur Wiedervereinigung (2002); Arndt Weinrich: Der Weltkrieg als Erzieher. Jugend zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus (2013); Manfred Weißbecker: Kriegsideologie und Friedensdemagogie in der NSDAP 1919-1933. In: Reinhard Kühnl und Karen Schönwälder (Hrsg.): Sie reden vom Frieden und rüsten zum Krieg (1986), S. 137-173; ders., Von Weltkrieg zu Weltkrieg: Die friedlose NSDAP. In: Ludwig Nestler (Hrsg.): Der Weg deutscher Eliten in den zweiten Weltkrieg. Nachtrag zu einer verhinderten deutsch-deutschen Publikation (1990), S. 327-381.
  5. Maurice Halbwachs: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen (1985; erstmals 1925); ders., Entwurf einer Psychologie sozialer Klassen. Über die gesellschaftlichen Antriebe des Menschen (2001; erstmals 1938;.
  6. Siehe dazu u.a. Manfred Weißbecker: "Schüsse ins Gehirn - alte und neue Schlagwörter in unserer Zeit. In: Konservative Perspektiven im neoliberalen Zeitalter. Protokollband einer gemeinsamen Tagung von Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen e.V. und Thüringer Verband VdN/BdA e.V. anlässlich des 70. Geburtstages von Prof. Dr. Ludwig Elm, durchgeführt am 25. September 2004 in Jena (2005), S. 45-53.
  7. Zu den Belegen auch Manfred Weißbecker: "Schüsse ins Gehirn" - alte und neue Schlagwörter in unserer Zeit. In: Konservative Perspektiven im neoliberalen Zeitalter. Hrsg. von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen e.V., Jena 2005, S. 45-53.
  8. Auf die Entwicklung von einzelnen "schnellen Schüssen ins Gehirn" hin zu einem medialen Dauerfeuer macht aufmerksam Rainer Gries. Siehe Thüringische Landeszeitung, 10.05.2014.
  9. Wolfrum, Geschichte als Waffe, a.a.O., S. 6 f., bezeichnet das Vergessen als einen "Effekt des Erinnerns". Er schreibt: "Vergessen schafft erst Raum für die Erinnerung an das, was wichtig ist - wobei das, was als wichtig erscheint, sich im Zeitverlauf ändern kann und vom gesellschaftlichen Kontext abhängig ist."
  10. Wolf Singer: Keiner kann anders als er ist. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.01.2004, S. 33. Der TV-Sender 3sat widmete dem Thema "Mythos Intelligenz" Anfang April 2014 eine sogenannte Themenwoche.
  11. Siehe Peter Zekert: Hirn oder Geist? Die Rolle der Medien im Streit um Hirnforschung, Menschenbild und Hirnforschung. In: Sven Jaros (Hrsg.): "Science: Who cares?". Ein studentisches Kolleg fragt nach dem Wert von Wissenschaft für die Gesellschaft. Magdeburg und Leipzig 2010, S. 131-140. Der Bonner Philosoph Markus Gabriel schreibt: "Neuerdings sind es die Gehirne oder vielmehr bestimmte Gehirnareale, die sowohl das Bewusstsein als auch seinen bunten Umgebungsbilder erzeugen. Was bleibt, ist die Idee eines kognitiven Gefängnisses: 'als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt' (Rilke). Dies gefiel schon Schopenhauer, der einer der Ersten war, die dem Gehirn die Funktion zuschrieben, die 'Welt als Vorstellung' hervorzuzaubern, an die sich die überlebenshungrigen Menschentiere dann in einer dauernden Lebensgeilheit verlieren. Heute soll es nicht mehr der metaphysische Weltwille sein, der unser Bewusstsein steuert, sondern das Gehirn, das sich wie ein fremdes Ich hinter unserem oberflächlichen Ich versteckt und mit der DNA kooperiert, die wiederum mit dem neuesten Über-Ich, der Evolution, im Verbunde steht." Markus Gabriel: Wir Verblendeten In: Die Zeit, 05.06.2014, S. 50.
  12. Siehe dazu den bekannten Brief von Friedrich Engels an Joseph Bloch vom 21.09.1890. In: MEW, Bd. 37 (1967), S. 462-465.
  13. Zu verweisen ist darauf, dass die Marx-Engels-Stiftung am 24.05.2014 in Münster eine Tagung zum Thema "Manipulation oder kritische Wissenschaft? Zum Verhältnis von Hirnforschung, Psychologie und Menschenbild" durchgeführt hat. Siehe auch Georg Fülberth: Doppelter Boden der Marx-Renaissance. In: Marxistische Blätter H. 1/2014, S. 18-27. Siehe auch Dirk Baecker: Neurosoziologie. Ein Versuch (2014). Der Vf. bemüht sich, eine "soziologische Theorie des Gehirns" zu schaffen. Siehe dazu die Rezension von Michael Zander in "junge Welt", 15.05.2014, S. 12.
  14. Siehe das umfangreiche Kapitel über Selbst- und Gegenbilder bei Rainer Hering: Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890-1939 (2003). Den Hinweis auf dieses Kapitel erhielt der Vf. dankenswerterweise von Erich Hahn.
  15. Siehe z.B. Wolfgang Höpken: Archaische Gewalt oder Vorboten des "totalen Krieges"? In: Ulf Brunnbauer, Andreas Helmedach und Stefan Troebst (Hg.): Schnittstellen. Gesellschaft, Nation, Konflikt und Erinnerung in Südosteuropa (2007).
  16. Siehe Gunter Kessellring: Der Jugend von heute fehlt ein Feindbild: eine kritisch, hermeneutische Betrachtung aktueller Erziehung und das möglicherweise fehlende Feindbild neuer Generationen (2011).
  17. Siehe z.B. Herfried Münkler: Und die Massen marschierten. Aus Angst vor dem "großen Krieg" rüsteten die europäischen Großmächte auf - und machten diesen überhaupt erst möglich. In: Der Tagesspiegel, 28.05.2014, S. 27.
  18. Peter Janich: Menschen können Fahrrad fahren, nicht aber Hirne. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.07.2008. Siehe auch das von diesem Philosophen 2009 veröffentlichte Buch "Die Sprache der Hirnforscher".
  19. In der öffentlichen Debatte um das Buch von Christopher Clark wurde u.a. gefragt: Schlafwandler oder Brandstifter.
  20. Bernd Ulrich spricht in diesem Zusammenhang von einem "spannungsreichen Verhältnis, meint aber, die Formel sei zu einfach, "dass die in dem einen oder anderen Sinne bestimmte geschichtspolitische oder propagandistisch instrumentalisierte Erinnerung an den 'Großen Krieg' in ihrem Erfolg immer abhängig war [und ist] von den Bedürfnissen derer, die darauf eingeschworen werden sollten." Bernd Ulrich: Die umkämpfte Erinnerung, a.a.O., S. 368 f.; Hingegen spricht Wolfram Pyta von einem "überaus politikmächtigen kulturellen Resonanzboden, der die Ausgangslage für Hitler "dramatisch" verbessert habe. Wolfram Pyta: Die Privilegierung des Frontkämpfers gegenüber dem Feldmarschall. Zur Politikmächtigkeit literarischer Imagination des Ersten Weltkrieges in Deutschland. In: Politische Kultur und Medienwirklichkeiten in den 1920er Jahren. Hrsg. von Ute Daniel, Inge Marzolek, Wolfram Pyta und Thomas Welskop (2010), S. 165.
  21. Mitteilungen des Bundes Neues Vaterland. Neue Folge, Nr. 1. Revolutionsnummer, November 1918, S. 7.
  22. Es gehört leider zu irreführenden Annahmen, dass Literatur, der gegenwärtig hohe Qualität usw. bescheinigt wird, auch zum Zeitpunkt ihres Erscheinens allgemein anerkannt gewesen sei. Forschungen über Auflagenhöhen, zeitgenössische Rezensionen oder das Verschweigen in den Massenmedien stehen noch aus.
  23. Zit. nach Otto-Ernst Schüddekopf: Das Heer und die Republik (1955), S. 160.
  24. Wolfgang Ruge: Nachdenken über Weimar. In: Ehrenpromotion Wolfgang Ruge (1988), S. 11-20.
  25. Weinrich, a.a.O., S. (S: 66 f.) meint, kriegskritische und heroisierende Auffassungen hätten einander nicht ausgeschlossen, und erklärt, dass die weitgehende Kompatibilität von Kriegsverdammung und Glorifizierung soldatischer Opferbereitschaft "zum Signum der Weimarer Kultur" gehört habe.
  26. Siehe u.a. Rüdiger Bergien: Die bellizistische Republik. Wehrkonsens und "Wehrhaftmachung" in Deutschland 1918-1933 (2012), der die Auffassung vertritt, dass auf dem Felde der Landesverteidigungspolitik der Zäsurcharakter des 30. Januar 1933 zu relativieren sei.
  27. Der Begriff ist entlehnt einem Beitrag von Utz Jeggle in den "Tübinger Beiträgen zur Volkskultur" (1986), S. 242-259.
  28. Bei einem Diözesantreffen der "Sturmschar des Katholischen Jungmännerverbandes Deutschlands" hieß es in der Rede des Generalpräses: "War der Krieg auch ein furchtbares Unheitl, die Opferkraft der jungen Stürmer war etwas ungeheuer Großes und Herrliches! Darum brauchen wir Begeisterung in der Sturmschaft, aber keine schwulstige Wortbegeisterung - Opferkraft des Dienens, des Sichbescheidens, des Opfers an Zeit, des Opfers an Eigenwillen, des Opfers an eigener Lust - das alles ist ein Stück des Lebens opfern. [...] Sturmschar ist nur, wer in der Gemeinschaft steht und die Opfer der Gemeinschaft zu bringen bereit ist." Zit. nach Weinrich, a.a.O., S. 103
  29. Peter Kümmel: Sarajevo, später. Wann begann der Erste Weltkrieg? Und ist er überhaupt vorbei? Der Theaterregisseur Hans-Werner Kroezinger recherchiert in der bosnischen Hauptstadt für sein neues Stück "Schlachtfeld Erinnerung". In: Die Zeit, 08.05.2014, S. 53.
  30. "Vom echten Heldentum" - so betitelte der Jenaer Theologie-Professor Erich Fascher seine 1930 gehaltene Rede zum Totensonntag, in der er die "Liebe von Langemarck, die in den Herzen von Hoch und Niedrig, Jung und Alt glühte", beschwor und von den Studenten "Zucht, Selbstkritik,Entsagung" forderte. (931), S. 4 ff.
  31. Sabine Behrenbeck: Der Kult um die toten Helden. Nationalsozialistische Mythen, Riten und Symbole (2./2011), S. 548 f. Die Verfasserin konstatiert zwar, dass der Boden für eine bereitwillige Aufnahme der nationalsozialistischen Opfervorstellungen schon von anderen bereitet worden war, klammert dies jedoch völlig aus ihren Darlegungen aus.
  32. Dieser Zusammenhang wird in der geschichtswissenschaftlichen Literatur selten dargestellt. Siehe u.a. Klaus Schreiner: Politischer Messianismus, Führergedanke und Führererwartung in der Weimarer Republik. In: Was ist Gesellschaftsgeschichte? Positionen,Themen,Analysen. Hrsg. von Manfred Hettling, Claudia Huerkamp, Paul Nolte und Hans-Walter Schmuhl (1991), S. 237-247; Manfred Weißbecker: Zur Herausbildung des Führerkults in der NSDAP. In: Monopole und Staat in Deutschland 1917-1945 (1966), S. 116-126; Manfred Weißbecker und Herbert Gottwald: Zur Rolle der Führer bürgerlicher Parteien. Biographische Aspekte in der Geschichte der politischen Parteien des deutschen Imperialismus von der Jahrhundertwende bis 1945. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 1979, H. 4, S. 299-315
  33. Dazu gehört auch, die Feindbild-Propaganda der Feinde ins Feld zu führen. Dies erfolgt gegenwärtig in rechtsextremen Kreisen der BRD, die in der gegenwärtigen Rückschau auf den Ersten Weltkrieg gern auf ein "Gebet" verweisen, das zu Beginn der Sitzung des 65. Kongress der USA am 10. Januar 1918 von einer größeren Gruppe der Abgeordneten gesprochen worden sei: "Allmächtiger Gott! Unser himmlischer Vater! [...] Du weißt, dass wir in einem Kampf auf Leben und Tod stehen gegen eine der schändlichsten, gemeinsten, gierigsten, geizigsten, blutdürstigsten, geilsten und sündhaftesten Nationen, die je die Seiten der Geschichte geschändet haben.Du weißt, dass Deutschland aus den Augen der Menschheit genügend Tränen gepresst hat, um ein neues Meer zu füllen, dass es genügend Blut vergossen hat, um jede Woge auf dem Ozean zu röten, dass es genügend Schreie und Stöhnen aus den Herzen von Männern, Frauen und Kindern gepresst hat, um daraus Gebirge aufzutürmen. [...] Wir bitten Dich, entblöße Deinen mächtigen Arm und schlage das mächtige Pack hungriger, wölfischer Hunnen zurück, von deren Fängen Blut und Schleim tropfen. Wir bitten Dich, lass die Sterne in ihren Bahnen und die Winde und Wogen gegen sie kämpfen [...] Und wenn alles vorüber ist, werden wir unsere Häupter entblößen und unser Antlitz zum Himmel erheben [...] Und Dir sei Lob und Preis immerdar, durch Jesus Christus. Amen."
  34. Siehe u.a. Bruno Jannis Lilge: Erziehung zum Krieg im Deutschen Kaiserreich 1890-1914. (1997). Lilge definiert Erziehung zum Krieg als pädagogische Intention und Durchführung von Erziehung, um bei Kindern und Jugendlichen psychische und physische Kriegsbereitschaft und -fähigkeit herzustellen.
  35. Behrenbeck untersucht zudem eingehend die religiösen Elemente des nationalsozialistischen Heldenkultes. Dieser habe auf religiöse Sinnbedürfnisse reagiert und kollektive Symbolformen bereitgestellt, um die religiösen Empfindungen zum Ausdruck bringen zu können. S. 19 f.
  36. Heinrich Mann: Das Bekenntnis zum Übernationalen. In: ders., Der Hass. Deutsche Zeitgeschichte (zuerst 1933, hier 1983)
  37. Hellmut von Gerlach: Die große Zeit der Lüge. Der Erste Weltkrieg und die deutsche Mentalität (1871-1921). Hrsg. von Helmut Donat und Adolf Wild. Mit einem Vorwort von Walter Fabian (1994), S. 143.
  38. Ebenda, S. 179.
  39. Die Weltbühne 27/1931.
  40. Siehe Joachim Petzold: Die Dolchstoßlegende. Eine Geschichtsfälschung im Dienst des deutschen Imperialismus und Militarismus (1963);Boris Barth: Dolchstoßlegenden und politische Desintegration. Das Trauma der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg 19141933 (2003); Kurt Pätzold: Im Felde unbesiegt, den Dolchstoß im Rücken. In: Kurt Pätzold und Manfred Weißbecker (Hrsg.): Schlagwörter und Schlachtrufe. Aus zwei Jahrhunderten deutscher Geschichte, Bd. 1, Leipzig 2002, S. 102-111.
  41. Zu Kehr gibt es bislang noch keine umfassende Biografie. Siehe hingegen Mario Keßler: Arthur Rosenberg. Ein Historiker im Zeitalter der Katastrophen (1889-1943), (2003).
  42. Klaus Schwabe und Rolf Reichardt: Gerhard Ritter. Ein politischer Historiker in seinen Briefen (1984), S. 236 ff.
  43. Zit. nach Jan-Henrik Meyer: Die Reden auf den zentralen Veranstaltungen zum Volkstrauertag bzw. Heldengedenktag 1922-1989. Wissenschaftliche Hausarbeit, Berlin 2001; Siehe auch Alexandra Kaiser: Von Helden und Opfern. Eine Geschichte des Volkstrauertages (2010).
  44. So z.B. die Festschrift 1919-1969 Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. 50 Jahre Dienst am Menschen Dienst am Frieden.
  45. Michael Geyer: Das Stigma der Gewalt und das Problem der nationalen Identität in Deutschland. In: Von der Aufgabe der Freiheit. Politische Verantwortung und bürgerliche Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift für Hans Mommsen zum 5. November 1995 (1995), S. 682.
  46. Parteien-Lexikon
  47. Peter Franz: Martialische Idole. Die Kriegerdenkmäler in Thüringen und ihr Botschaften (1999); Kurt Pätzold: Kriegerdenkmale in Deutschland. Eine kritische Untersuchung (2012).
  48. Siehe dazu als jüngste Darstellung Weinrich, a.a.O., S. 245-312.
  49. Siehe Gerhard Hirschfeld: Die Stuttgarter 'Weltkriegsbücherei'. In: Der Erste Weltkrieg in der populären Erinnerungskultur. Hrsg. von Barbara Korte, Sylvia Paletschek und Wolfgang Hochbruck (2008), S. 47-57.
  50. Siehe u.a. Karl Prümm: Die Literatur des soldatischen Nationalismus der 20er Jahre 1918-1933. Gruppenideologie und Epochenproblematik (1974).
  51. Obgleich viele ihrer Romane bereits vor 1933 erschienen, wird von Historikern zumeist nur die Literatur im Nationalsozialismus benannt und werden Bücher angeführt, die zwischen 1933 und 1945 erschienen. Leider war nichts Näheres zu ermittel über ein "Kriegsdichtertreffen", das 1936 stattfand.
  52. Weinrich, a.a.O., S. 76.
  53. Siehe Ria Blaicher: Gottes Strafgericht. Hirtenbriefe der deutschen Bischöfe während des Ersten Weltkrieges. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, H. 4/2014, S. 315-328. Da heißt es u.a.: "Nach dem Desaster des Weltkrieges hätten Katholiken [...] Richtlinien für eine künftige Friedenspolitik von ihren Oberhirten erwarten können. Dafür hätten grundsätzliche Fragen beantwortet werden müssen: Wie ist das Verhältnis von Machthabern und Kirche, von Individuum und Staatsmacht? Wann muss die Kirche dem Staat aus moralischen Gründen in die Schranken weisen? Wie muss die Kirche reagieren, wenn der eigene Staat aus Machtinteressen einen Krieg vorbereitet? Wie kann sich die Kirche gegen Ausbeutung von Individuen und Völkern zur Wehr setzen und wie Diskriminierung und Anfeindung anderer Menschen, Völker und Religionen in ihren Anfängen aufdecken und Zurückweisen?" Davon sei nach dem Ersten Weltkrieg jedoch nichts zu spüren gewesen (S. 328). Siehe auch Heinrich Fink: Kirche vor der Entscheidung. In: antifa. Magazin der VVN-BdA für antifaschistische Politik und Kultur, H. Mai/Juni 2014, S. 24.
  54. Zit. nach Eberhard Demm: Zwischen Propaganda und Sozialfürsorge - Deutschlands Kinder im Krieg. In: ders., Ostpolitik und Propaganda im Ersten Weltkrieg (2002), S. 121. Siehe auch Christian Ufer: Im Wandel der Zeit 1856-1921 (1926).
  55. Die folgenden Ausführungen stützen sich insbesondere auf das Buch von Arndt Weinrich: Der Weltkrieg als Erzieher. Jugend zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus (2012).
  56. Weinrich, a.a.O., S. 69, konstatiert, dass die "heroische Jugendkultur" spätestens seit den frühen 30er Jahren "wesentliche Elemente des Weltkriegsgedenkens der HJ nach 1933 bereits vorwegnahm."
  57. Weinrich , a.a.O., S. 127.
  58. Baldur von Schirach: Die Feier der neuen Front (1929), S. 11.
  59. So urteilte Lindlay Frazer über die Propaganda der NSDAP in seinem Buch: Kriegsschuld und Propaganda. Deutschland zwischen den zwei Weltkriegen (1947), S. 149.
  60. Eric Hobsbawm: Die Erfindung der Vergangenheit. In: Die Zeit, 09.09.1994; Siehe auch Wolfrum, Geschichte als Waffe, a.a.O.; Manfred Weißbecker: Geschichte als Waffe. Die Katastrophe nach 1918. Erinnerungspolitik, um den verlorenen Ersten Weltkrieg nachträglich zu gewinnen. In: junge Welt, 18.06.2014, S. 10 f.

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