Tagungsbericht

Dr. Martin Seckendorf: Instrumente für die Segregation. Volksforschung am Deutschen Ausland-Institut Stuttgart(DAI) 1917-1945



Auf der letzten Vortragsveranstaltung der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. im Jahr 2004 referierte am 11. Dezember der Berliner Historiker Martin Seckendorf über die am Deutschen Ausland-Institut in Stuttgart(DAI) zwischen 1917 und 1945 betriebene Volksforschung.
Ausgangspunkt des Vortrages war die seit Mitte der 90er Jahre intensiver geführte Diskussion um die „Verstrickung“ namentlich von Historikern in Völkerverschiebung und Massenmord während des NS-Regimes. Die Diskussion, so der Referent, habe erfreulicher weise u.a. dazu geführt, dass nun auch in dem größeren Deutschland auf die umfangreichen Ergebnisse der DDR-Historiographie zu diesem Thema zurückgegriffen wird. Er verwies in diesem Zusammenhang auf die immensen Forschungen einer großen Gruppe unter dem Jenaer Historiker Manfred Weißbecker zur Parteien- und Organisationsgeschichte und auf das Wirken der Abteilung für Geschichte der imperialistischen Ostforschung unter Rudi Goguel an der Humboldt-Universität zu Berlin. In der neu aufgeflammten Diskussion sei auch die älteste deutsche Einrichtung auf dem Gebiet der Volksforschung, das DAI, wieder in den Blickpunkt der Forschung geraten.
Zunächst gab Seckendorf einen Überblick über die Geschichte des DAI zwischen 1917 und 1945. Das Institut habe sich in zwei wesentlichen Punkten von allen anderen deutschtums- und volkswissenschaftlichen Einrichtungen unterschieden. Ein Punkt, gewissermaßen das Markenzeichen des Instituts, sei die überaus enge Verbindung mit den jeweils tonangebenden Macht- und Einflusseliten gewesen. Die Verbindungen sicherten dem DAI über die ganze Zeit eine gute finanzielle Ausstattung und in politisch kritischen Situationen, wie etwa im Prozess der nazistischen „Gleichschaltung“ 1933, sogar das Überleben. Im „Windschatten“ dieser Bevorzugung durch die Mächtigen und Einflussreichen gab sich das Institut selbst als elitären Club. Nicht Massenorganisation, wie etwa der Konkurrent Verein für das Deutschtum im Ausland(VDA), wollte man sein, sondern Führungs- und Mittelpunkt sowie Vermittlungsstelle für die an Deutschtumsfragen interessierten Angehörigen der Eliten in Deutschland und der Meinungsführer, der einflussreichen Personen unter den Deutschen im Ausland. Ein zweiter wesentlicher Punkt sei der breite Arbeitsgegenstand gewesen. Das DAI beschäftigte sich weltweit mit allen Deutschen im Ausland - mit den deutschen Minderheiten ebenso wie mit den Menschen deutscher Staatsangehörigkeit. Der Arbeitsgegenstand umfasste die Geschichte und die damalige Gegenwart, das natürliche und soziale Umfeld, die wirtschaftliche und politische Stellung der Deutschen im Ausland, die Verbindungen der Auslandsdeutschen nach Deutschland sowie das Beziehungs- und Wirkungsgeflecht zwischen Auslandsdeutschen und anderen Bewohnern, insbesondere zu dem Mehrheitsvolk des jeweiligen Staates. Das DAI betrieb in diesem Zusammenhang in beträchtlichem Umfang auslandskundliche Forschungen und Lehre. Ein wesentlicher Arbeitszweig war die „Volkspflege“, d.h. die praktische Arbeit mit den Auslandsdeutschen bis hin zu deren politischer Anleitung. Über das DAI als Mittelstelle sollten Verbindungen nach Deutschland oder von Deutschland nach „Draußen“ angebahnt werden. .Bis 1939 habe das DAI in nennenswertem Ausmaß und in staatlichem Auftrag auch Auswanderungsberatung betrieben. Sehr früh befasste sich das Institut mit Nationalitätenfragen in anderen Vielvölkerstaaten und mit den Minderheiten anderer Staaten vornehmlich Europas im Ausland. Der Referent schätzte ein, dass das DAI aus dem insbesondere nach 1918 entstandenem, kaum noch überschaubarem Geflecht von Organisationen und Forschungseinrichtungen für „Grenz- und Auslandsdeutschtum“ heraus ragte. Das Institut stellte eine eigenartige Kombination von Lehr- und Forschungseinrichtung, Gutachter- und Beratungsstelle, auslandskundlichem Informationszentrum, Archiv und Museum sowie einem „Deutschtumsverband“ mit reger praktischer Tätigkeit nach innen und ins Ausland dar. Es sei bis 1945 die wichtigste nichtstaatliche Organisation auf den Gebieten Auslandsdeutschtum und auslandsdeutsche Volksforschung gewesen.
Im zweiten Teil des Vortrages ging Seckendorf auf die seit 1917 im DAI betriebene auslandsdeutsche Volksforschung ein. Auslandsdeutsche Volksforschung sei als ein multidisziplinäres Wissensgebiet aufgefasst worden, das vornehmlich von Geografen, Historikern, Volkskundlern, Genealogen, Bevölkerungsstatistikern, Sprach- und Mundartforschern, in den 30er Jahren zunehmend von Medizinern und schließlich Rassenforschern bearbeitet wurde. Gegenstand waren die aus Deutschland ausgewanderten Menschen und deren Nachkommen sowie deren Beziehungen zu ihrer andersnationalen Umwelt und zu Deutschland. Methodologische Grundlage bildete die These von der Volksgemeinschaft aller Deutschen. Das weltweit siedelnde deutsche Volk sei eine weitgehend homogene, alle Grenzen und Schranken überwindende bluts- und deshalb Gesinnungsgemeinschaft. Das„Reichsvolk“ und dessen staatliche Organisation bilde den Führungs- und Kristallisationspunkt des „Gesamtvolkes“. Eine zweite, aus den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges abgeleitete These besagte, dass die „gesamtdeutsche“ Volksgemeinschaft durch Assimilation von Teilen des Auslandsdeutschtums in ihre andersnationale Umwelt aufgelöst werden könne. Die auslandsdeutsche Volksforschung insbesondere am DAI habe nach Seckendorf von Anfang an nach Lösungen für die Grundfragen aller „Deutschtumspolitik“ bis 1945 gesucht, nämlich für die Beantwortung der Fragen, wie viele Deutsche im Ausland sich noch als Deutsche betrachteten und mit welchen Mitteln eine Integration oder gar Assimilation der Deutschen in ihre andersnationale Umgebung verhindert bzw. rückgängig gemacht werden könnte. Im Grunde sei die auslandsdeutsche Volksforschung der Vorgabe des Auswärtigen Amtes aus dem Jahre 1922 gefolgt, die durch die Existenz des Auslandsdeutschtums gebotenen außenpolitischen Möglichkeiten verfügbar zu halten, in dem man die deutschen Minderheiten materiell sichert, Abwanderungen aus den Minderheitengebieten und Assimilierungen verhindert sowie durch Regermanisierung assimilierter Deutscher verstärkt. Unter Verweis auf neue Dokumente wies Seckendorf nach, dass für die auslandsdeutsche Volksforschung auch im Hinblick auf das „Grenzlanddeutschtum“ in den nach dem Ersten Weltkrieg von Deutschland abgetrennten Gebieten spätestens seit 1922 staatliche Vorgaben existierten. Über diese Regionen sollten umfangreiche Untersuchungen durchgeführt werden, deren Ergebnisse für die Geltendmachung vermögensrechtlicher, territorialer und anderer Ansprüche, insbesondere aber auch für Propaganda genutzt werden könnten. Die auslandsdeutsche Volksforschung am DAI wies nach Seckendorf jedoch drei gravierende Unterschiede zu anderen Einrichtungen, insbesondere zu den (mit Vorläufern) erst einige Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen sogn. Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften (VfG) auf. Das DAI habe seit 1917 Volksforschung, einschließlich „Feldforschung“ in den Besatzungsgebieten der Mittelmächte, betrieben. Schon mit der Gründung wurde ein wissenschaftlicher Beirat geschaffen, der volkswissenschaftliche Aktivitäten anregen, wissenschaftliche Kapazitäten von außerhalb des Instituts einbringen und Einfluss auf die deutsche Forschungslandschaft nehmen sollte. Das Institut habe sich seit seiner Entstehung auf den „Volkstumswechsels“ durch Assimilierung vor allem bei den Eliten des Auslandsdeutschtums, bei jenen Deutschen konzentriert, die in der andersnationalen Umgebung eine herausgehobene Position erreicht hatten. Ein zweiter wesentlicher Unterschied zu anderen Volksforschungseinrichtungen sei die Verbindung von Forschung und deutschtumspolitischer Praxis, der sogn. Volkspflege gewesen. Diese außerordentlich enge Verbindung ließ die auslandsdeutsche Volksforschung in der Auffassung der damals Beteiligten als eine konsequent politische Wissenschaft erscheinen. Die Forschungsergebnisse sollten nicht nur für wissenschaftliche Publikationen oder zu mehr oder weniger vertraulichen Politikberatung verwandt werden, sondern schnell und in größtmöglichem Umfang in die praktische „Deutschtumsarbeit“ einfließen. Am Beispiel der im DAI-Archiv und in den Strukturen des Instituts für Sippenkunde gesammelten Daten machte der Referent die praktische Verwendung des im Rahmen der Volksforschung gewonnen Materials deutlich. Das DAI habe die umfassendste Datenbank in Deutschland über Deutsche im Ausland angelegt. Dazu gehörte auch die Erfassung von zuletzt mehr als 45000 Organisationen des „Auslandsdeutschtums“, meist mit kompletten Mitgliederlisten. Seckendorf führte aus, wie die Dateien von der Auslandspropaganda, Spionagediensten und der politischen Polizei genutzt wurden. Wichtig sei aber gewesen, dass das DAI damit in „Umvolkungsprozesse“ eingegriffen habe. Die Dateien enthielten nicht nur Angaben über die aktuelle Situation der Auslandsdeutschen, sondern in großem Umfang auch genealogische Daten. Dadurch konnte man z. B. feststellen, ob und wann die Vorfahren „Mischehen“ mit Menschen anderer Nationalität eingegangen waren. Die „Reinheit des Blutes“ aber, so die Propagandathese, sei Grundlage und Garant für die Verbundenheit mit dem „Deutschtum“. Die Dateien wurden als Indikator für den Grad der Assimilierung und für die Möglichkeiten einer Dissimilierung, einer „Rückholung ins Deutschtum“ genutzt. Durch massenhafte Kontaktaufnahme mit Auslandsdeutschen und deren zunächst subtile Beeinflussung auf der Grundlage der vorhandenen Daten versuchte man, geistige Assimilation zu verhindern und Menschen, die dem „Deutschtum entglitten waren“, zu regermanisieren. Ein Höhepunkt der Verwendung von Forschungsergebnissen für die Praxis sei nach Seckendorf der Einsatz im Rahmen der Umsiedlungen von „Volksdeutschen“ gewesen. Seit 1939 wurden aus allen Teilen Europas etwa eine Million Menschen in den Kernbereich des NS-Regimes gebracht. Nach politischer Prüfung und „rassischer“ Bewertung standen sie als Verfügungsmasse für die Germanisierung der von der Wehrmacht eroberten und entvölkerten Gebiete zur Disposition. An Hand neuer Dokumente schilderte Seckendorf die Beteiligung des DAI an diesen Maßnahmen von der politisch-oragnisatorischen und personellen Vorbereitung über die Durchführung der Umsiedlungen, die Bewertung des einzelnen Umsiedlers bis hin zur Entscheidung über dessen weiteres Schicksal und an der propagandistischen Beeinflussung der Umsiedler in den deutschen Lagern. Mit der Schilderung des Propagandaeinsatzes kam Seckendorf auf einen weiteren Unterschied zu anderen „volkswissenschaftlichen“ Einrichtungen. Schon 1922 habe die Deutsche Stiftung, bis Mitte der dreißiger Jahre eines der wichtigsten Leitorgane der Deutschtumspolitik, verlangt, die Ergebnisse der auslandsdeutschen Volksforschung auch für propagandistische Zwecke im In- und Ausland zu verwenden. Dieses für die Formierung der „gesamtdeutschen Volksgemeinschaft“, für die Akzeptanz der Deutschtumspolitik durch die Mehrheit des deutschen Volkes höchst bedeutsame Arbeitsfeld sei in der Forschung zu volkswissenschaftlichen Problemen unverständlicherweise bisher fast völlig ausgespart worden. Das DAI habe seit 1917 Forschungsergebnisse sofort und massenhaft für die nach innen gerichtete Grenzland- und Deutschtumspropaganda eingesetzt. Der Referent ging kurz auf inhaltliche Fragen der Propaganda ein und gab eine gedrängten Überblick über die beeindruckende Dimension des DAI-eigenen Propagandaapparates, der sich in erster Linie nicht als Mittel zur Beeinflussung von Massen, sondern vor allem als Instrument zur Schulung von Multiplikatoren sah. Keine andere Organisation oder Volksforschungseinrichtung habe auch nur annähernd über solche großen und ausgefeilten Propagandamittel verfügt.
Seckendorf ging abschließend darauf ein, dass sich ab 1934/1935 die Stellung des DAI im Geflecht der Volksforschungseinrichtungen deutlich veränderte. Offenbar beflügelt von dem Rückhalt innerhalb der tonangebenden Macht- und Einflusseliten des NS-Regimes, sei das Institut daran gegangen, konkurrierende Einrichtungen, vor allem die Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften, massiv zurückzudrängen. Bis zum Ende des Zeiten Weltkrieges habe das DAI, das seit 1943 nicht mehr nur dem SS-Hauptamt Volksdeutsche Mittelstelle, sondern auch dem Reichssicherheitshauptamt untergeordnet war, auf einigen Gebieten der Volksforschung, so in Bezug auf Übersee und Südosteuropa, eine dominierende Stellung erreicht.
Die überaus lebhafte Diskussion im Anschluss an den Vortrag beschäftigte sich vor allem mit Fragen nach Kontinuität und Brüchen in der Geschichte des DAI und mit der Weiterführung der Deutschtumsarbeit durch die nach 1945 in Institut für Auslandsbeziehungen umbenannte Einrichtung. Außerdem spielten in der Diskussion Fragen der deutschtumspolitischen Strategien und das Ausmaß der Mitwirkung des Instituts an der Okkupationspolitik im Zweiten Weltkrieg eine große Rolle.



Tom Kühnert

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