Dr. Eberhardt Gering/Wildau: Verdrängte Jahre - Die Deutsche Gesellschaft für Dokumentation in den Jahren 1941 bis 1945


Die Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. hatte zu ihrer monatlichen Vortrags- und Diskussionsveranstaltung Dr. Eberhardt Gering aus Wildau für den 10. März 2009 eingeladen. Er referierte über die Gründungszeit der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation (DGD) im Faschismus. Sie nennt sich heute Deutsche Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis e.V.(DGI) und sieht sich als zentrale wissenschaftliche und berufsständische Fachgesellschaft. Hauptgegenstand der Informationswissenschaft und Informationspraxis ist die Erfassung, Erschließung und Ordnung wissenschaftlicher Informationen in gedruckten Medien sowie die Wiederauffindung der Informationen durch Aufstellung von Datenbanken. Schon daraus ist die Bedeutung dieser Gesellschaft im Zeitalter der Informationsgesellschaft zu ersehen.
Dr. Gering beschäftigt sich seit den 60er Jahren mit Informationswissenschaft und in den letzten Jahren zunehmend auch mit der Geschichte der DGD. Er veröffentlichte drei größere biographische Skizzen zu leitenden Personen in der DGD während der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Dr. Gering ist Mitglied des Arbeitskreises "Geschichte des Informationswesens in Deutschland" der DGI.

Die Veranstaltungsleitung konnte mit großer Freude einige Mitglieder der DGI, darunter den Präsidenten der DGI Prof. Dr. Stefan Gradmann vom Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin begrüßen.
Danach nahm Dr. Gering das Wort zu seinem Vortrag, den er mit zahlreichen Bildern illustrierte. Er führte zusammengefaßt folgendes aus:

Am 28. Mai 1941 traf sich im Berliner Haus des Vereins Deutscher Ingenieure im Rahmen des "Fachnormenausschusses für Bibliotheks-, Buch- und Zeitschriftenwesen" eine Gruppe von 38 Personen. Auf der Tagesordnung stand die Gründung einer "Deutschen Gesellschaft für Dokumentation".
Die Einladung erfolgte durch den Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Bernhard Rust, auf der Sitzung vertreten durch den Ministerialrat SS-Obersturmbannführer Dr. Rudolf Kummer. Leiter der Sitzung war der Generaldirektor der Preußischen Staatsbibliothek Berlin, Professor Dr. Hugo Andres Krüß.
Zu den Teilnehmern gehörten die Reichsministerien für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, für Volksaufklärung und Propaganda, für Wirtschaft sowie das Auswärtige Amt), das Reichssicherheitshauptamt der SS, das Oberkommandos der Wehrmacht und des Heeres, die Deutsche Arbeitsfront sowie Einrichtungen des Bibliotheks- und des Büchereiwesens (Preußische Staatsbibliothek Berlin, Deutsche Bücherei Leipzig, Universitätsbibliothek Leipzig, Bibliothek der Technischen Hochschule Berlin, Auskunftsbüro der Deutschen Bibliotheken, Reichsstelle für das Volksbüchereiwesen). Außerdem nahmen der Deutscher Normenausschuß, die Deutsche Chemische Gesellschaft, der Verein Deutscher Ingenieure, der NS-Bund Deutscher Technik sowie Führende Wirtschaftsinstitute (Hamburger Weltwirtschaftsarchiv, Weltwirtschaftsinstitut Kiel), das Reichspatentamt und Institutionen für Fotofilm, Fotokopie, Lichttechnik, grafisches Gewerbe (u.a. Zeiß Ikon, Agfa, Photokopie GmbH). Auch die AEG und die Siemens-Schuckert-Werke waren anwesend.
Über ein Drittel der teilnehmenden Personen waren Mitglied der NSDAP. Mindestens fünf Personen hatten hohe und mittlere SS-Dienstgrade.
Vier Monate nach der Sitzung erschien in der Presse eine Mitteilung über die inzwischen auf Weisung des Reichsministers Rust erfolgte Gründung der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation (DGD). Als Aufgabe dieser Gesellschaft wurde das Klären der Fragen bezeichnet, die mit dem Sammeln, Ordnen und Erschließen von Dokumenten aller Art zusammenhängen. Abschließend hieß es: "Die Deutsche Gesellschaft für Dokumentation ist die von den Reichsbehörden anerkannte Zentralstelle für die Gemeinschaftsarbeit in der Dokumentation in Deutschland und vertritt die deutschen Belange in der internationalen Zusammenarbeit.
Zum Vorstand gehörten: Prinzhorn, Fritz (Vorsitzender der DGD, Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig), Pflücke, Maximilian (Stellvertretender Vorsitzender, Chefredakteur des Chemischen Zentralblattes), Parey, Walter (Schriftwart, Verein Deutscher Ingenieure), Frank, Otto (Geschäftsführer der DGD, Deutscher Normenausschuß).
Der Beirat hatte zu diesem Zeitpunkt 39 Mitglieder. Als DGD-Mitglieder wurden aufgeführt: 84 Institutionen und 30 Einzelpersonen (Vorstands- und Beiratsmitglieder nicht mitgerechnet). Die bei der gründungsvorbereitenden Sitzung nicht präsente Stahl- und Eisenindustrie erschien auf der DGD-Mitgliederliste vom Januar 1942 mit drei industriellen Zentren: Bergische Stahl-Industrie Remscheid, Friedrich Krupp AG Essen und Neunkirchner Eisenwerk. Im Mitteilungsblatt vom März/April 1942 wurden zehn weitere Institutionen als neue Mitglieder der DGD genannt, darunter die Hoesch AG Dortmund und die I. G. Farbenindustrie AG mit ihren Werken in Berlin, Bitterfeld, Frankfurt/Main, Leverkusen, Ludwigshafen, Offenbach und Wolfen.
Die Bedeutung der Dokumentation für das Beschaffen, Erschließen, Aufbereiten und gezielte Verbreiten wissenschaftlicher Informationen war zum Zeitpunkt der DGD-Gründung international längst anerkannt. Lange vor dem zweiten Weltkrieg existierten schon internationale Institutionen auf dem Gebiet der Dokumentation. Es fanden Kongresse zur Dokumentation statt, an denen Krüß und nach 1933 auch Kummer regelmäßig teilnahmen Ungeachtet der aktiven Teilnahme deutscher Delegationen (alle unter Leitung von Krüß) an allen maßgebenden Tagungen zur Dokumentation kam es bis zum Jahr 1941 in Deutschland nicht zur Bildung einer Dokumentationsgesellschaft. Die Gründe dafür sind vielfältig. Der Krieg beschleunigte die Entwicklung dann auf seine eigene Art. Außerhalb Deutschlands kündigte sich mit Nachdruck die wissenschaftlich-technische Revolution an, die verheerende Konsequenzen für die Kriegführung Deutschlands und seinen Partner in Fernost haben sollte.
Daß Nazideutschland vor allem in den letzten Kriegsjahren intensiv bemüht war, die neuesten Ergebnisse aus Forschung und Entwicklung des In- und Auslands für seine militärischen Zwecke zu verwenden, zeigte sich besonders auf dem Gebiet der Kernspaltung. Dem diente auch der von der DGD in Zusammenarbeit mit dem Reichssicherheitshauptamt der SS geschaffene "Zentralnachweis für ausländische Literatur", auf dessen umfangreicher Versandliste die Namen der im Nazireich verbliebenen führenden deutschen Kernphysiker Prof. Dr. Otto Hahn (Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie) und Prof. Dr. Werner Heisenberg (Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik) verzeichnet waren. Der "Zentralnachweis" war im Januar 1943 beschlossen worden. Im Vorwort Heftes 1 vom Dezember 1943 hieß es:"Die Deutsche Gesellschaft für Dokumentation hofft, mit dieser Veröffentlichung nach vierjähriger Kriegszeit endlich allen Wünschen kriegswichtiger Bedarfsträger auf dem Gebiet vorerst feindlich ausländischer Literatur entsprechen zu können ..." Die Gelder wurden von der Forschungsnothilfe beim Reichsforschungsrat bereitgestellt Das vermutlich letzte Heft des Zentralnachweises erschien Ende 1944.

Das Beschaffen ausländischer Literatur, ihrer schnellen Auswertung und das effektive Bereitstellen der Auswertungsergebnisse für den militärischen, wissenschaftlichen und industriellen Sektor war die Hauptaufgabe der DGD in den letzten Jahren des zweiten Weltkrieges.

Nach dem Vortrag entwickelte sich eine lebhafte, teilweise kontrovers geführte Diskussion. In deren Mittelpunkt stand die Frage, wieweit die Geschichte der DGD insbesondere in der Zeit des Faschismus aufgearbeitet wurde. Dabei ging es auch um die organisatorische und personelle Kontinuität von der 1941 gegründeten Organisation zu der DGD in der Bundesrepublik und um die Frage, inwieweit die Tätigkeit NS-belasteter Personen in der Nachkriegsorganisation und der "Zeitgeist" des Kalten Krieges die Stellung zur Vergangenheit beeinflußten. Ein Nebenthema in diesem Komplex war die Stellung der DGD in der Nazizeit. Es wurde z.B. an Hand des auf Initiative des Reichsamtes für Wirtschaftsausbau seit 1943 herausgegebenen Zentralnachweis für ausländische Literatur auf den hohen Stellenwert, den die Gesellschaft von den Spitzen des Systems insbesondere für Fragen der Kriegswirtschaft beigemessen wurde, hingewiesen. Im weiteren Verlauf der Diskussion ging es um die Quellenlage zur Geschichte der DGD. Die anwesenden Mitglieder der DGD teilten mit, dass es keine zentrale schriftliche Überlieferung gibt, was eine Darstellung der Tätigkeit in den Jahren des Faschismus außerordentlich erschwert.
Die Teilnehmer der Veranstaltung dankten abschließend Dr. Gering für den gelungenen Vortrag.



Martin Seckendorf

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